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Vor ein paar Jahren zum schönsten Platz Österreichs gewählt: der Formarinsee am Fuße der Roten Wand. © Dietmar Denger/Vorarlberg Tourismus

Lust aufs Ländle

Zwischen Bodensee und Gletschereis: Für viele Österreicher ist Vorarlberg ein weißer Fleck auf der Landkarte. Schade, denn das Bundesland ganz im Westen hat viel mehr zu bieten als nur hohe Berge und würzigen Käse.

Fangen wir dort an, wo eine ­Reise nach Vorarlberg beginnt, nämlich vor dem Arlberg. Mächtig türmt sich dieser vor dem Auto- oder Zugreisenden auf. Der mit 14 Kilometer längste Straßentunnel Österreichs führt seit 1978 durch den Berg und verbindet das „Ländle“ mit dem Rest Österreichs. Wir nehmen stattdessen die alte Passstraße, die sich auf 1.793 Meter hinaufschlängelt. Hier oben lässt sich viel von der Schönheit Vorarlbergs erahnen. In den Wiesen rund um das Bergdorf Lech blühen im Sommer rund 20 Orchideenarten. Wunderbar weit reicht der Blick von Aussichtsbergen wie dem Rüfikopf. Der smaragdgrüne Formarinsee am Fuße der Roten Wand wurde 2015 zum schönsten Platz in Österreich gekürt.

Arlberg für Einsteiger

Seit einem Jahr verbindet der Arlberg Trail, ein sportlicher Weitwanderweg, alle Arlbergorte miteinander. Abends wird für die müden Gäste in den hiesigen Küchen groß aufgekocht. Unglaubliche 19 Restaurants und Gasthäuser in Lech, Zürs und Stuben tragen Gault & Millau-Hauben. Ja, so lässt sich ein Urlaub in Vorarlberg beginnen. Es mag den Rest Österreichs erstaunen, aber aus Sicht der Vorarlberger liegt man tatsächlich vor dem Arlberg. Österreich ist das Land, das sich im Rücken befindet, der Vorarlberger blickt nach vorne in Richtung Schweiz, Liechtenstein und Deutschland. 

So verwundert es nicht, dass bei einer Volksabstimmung im Jahr 1919 81 Prozent der Vorarlberger für einen Beitritt zur Schweiz stimmten. Daraus wurde zum Glück nichts – und so müssen wir Österreich nicht verlassen, um dennoch exotisches Flair zu spüren. Denn anders sind hier Architektur und Kulinarik, aber auch Mentalität und Sprache.

Reden wir über die Menschen: Vorarlberg ist das einzige Bundesland, dessen Bevölkerung von den Alemannen abstammt. Und diesen wird Weltoffenheit, ein nüchterner Charakter, Fleiß und Sparsinn nachgesagt. Eigenschaften, welche aus dem an Bodenschätzen ärmsten Bundesland Österreichs das steuerträchtigste machten. Größtes Lebensziel der Vorarlberger ist ein „ghöriger“ (guter, anständiger) Job und ein eigenes Heim. Der Spruch „Schaffa, schaffa, Hüsle baua“, also „Arbeiten, arbeiten, Haus bauen“, gilt noch immer als DAS Vorarlberger Lebenskonzept.

Dass man einander mit „Heil“ oder „Heile“ begrüßt und am ersten Fastensonntag eine mit Sprengstoff gefüllte Hexenpuppe auf einem Holzturm oder Strohhaufen abfackelt, mag manchen Besucher irritieren. Gleichzeitig findet sich in Vorarlberg eine große Dichte an international erfolgreichen Unternehmen, innovativen Start-ups, moderner Architektur und zeitgenössischen Festivals.

Wie Hemingway im Montafon

Nicht weit weg vom Arlberg, am südwestlichsten Ende Österreichs, liegt das Montafon. Imposante Gebirge – Silvretta, Rätikon und Verwall – umrahmen das Tal, darunter der höchste Berg Vorarlbergs, der 3.312 Meter hohe Piz Buin. Jedes
der elf Dörfer im Montafon hat seine ­Besonderheiten, die oftmals tief in der Geschichte verwurzelt sind. Schriftsteller Ernest Hemingway war ­einer der ersten Touristen im Montafon. Mit Frau und kleinem Sohn bezog er 1924 und 1925 Quartier im Hotel Taube in Schruns. Er trank, spielte Karten mit ­Jägern, Bauern und Baronen und stieg so ziemlich auf jeden Gipfel. Die Zeit im Montafon schien ihm unbekümmert, glücklich und frei. „Das Tal war weit und offen, sodass man viel Sonne hatte“, schrieb er.

Frische Energie tanken, so lautet das Motto auch heute, egal ob beim Wandern, Mountainbiken oder Klettern. Ein Hit ist der neue Klettersteig am Silvretta-Stausee: An der 55 Meter hohen Staumauer geht’s beinahe senkrecht bergauf. Eine kulinarische Spezialität gibt es nur hier im Tal, den Montafoner „Sura Kees“ (Sauerkäse), einen mild-aromatischen Magerkäse, der schon zum Frühstück aufgetischt wird.

Vom Gletscher bis zum See

Reden wir über das Land: Mit einer Fläche von 2.600  km² ist Vorarlberg vier Mal so groß wie Wien. Zwei Drittel liegen über 1.000 Meter. Von Nord nach Süd misst das Ländle nur 100 Kilometer. So gelangt man in eineinhalb Stunden Autofahrt vom Hochgebirge der Silvretta mit ihren vergletscherten Dreitausendern an das mediterran anmutende Ufer des ­Bodensees.

Auf einem Bauernhof oberhalb von Bregenz mit Blick auf den See lebt Karin Fetz. Seit 2013 führt die 57-Jährige als Austrian Guide Gäste durch die Landeshauptstadt, die gemessen an ihrer Einwohnerzahl nach Dornbirn und Feldkirch nur die drittgrößte Stadt Vorarlbergs ist. „Bregenz besteht aus drei recht unterschiedlichen Teilen: der Promenade, der Unterstadt und der Oberstadt“, erzählt Karin Fetz.

Am Ufergelände flaniert man vom Hafen entlang der Kastanienallee vorbei am Kongresshaus zum Festspielhaus. Seit 1946 finden hier jährlich im Juli und ­August die Bregenzer Festspiele statt. Diese sind mittlerweile weit über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt. Die Bühne mit einer Zuschauerkapazität von etwa 7.000 Plätzen ist die größte Seebühne der Welt. Die Bühnenkonstruktionen sind legendär – heuer wird „Madame Butterfly“ dargeboten. Übrigens ging im Jahr 2008 Daniel Craig als James Bond auf der Seebühne auf Verbrecherjagd, zu sehen im Film „Ein Quantum Trost“.

Zwei Gesichter von Bregenz

In der belebten Unterstadt von Bregenz finden sich Cafés, Geschäfte und Büros. Vom touristischen Treiben am See und der hektischen Welt der Unterstadt scheint die mittelalterliche Bregenzer Oberstadt mit ihren schmalen Gassen weit entfernt. „Hier oben ist es ruhig und verschlafen. Es gibt keine Geschäfte und keinen Verkehrslärm“, sagt Karin Fetz. Über dem historischen Stadttor hängt ein mumifizierter Haifisch, welcher das Böse von der Stadt abwenden soll. Das offizielle Wahrzeichen der Stadt, der frühbarocke Martinsturm, besitzt die größte Zwiebelkuppel Mitteleuropas. Ebenfalls in der Oberstadt, in der Kirchstraße 29, steht das Haus mit der schmalsten Fassade in ganz Europa – nur 57 Zentimeter breit, eingefügt in eine Baulücke.

Schätze aus dem Bodensee

Einen Kilometer von der Bregenzer Altstadt entfernt betreibt Winzer Josef Möth den westlichsten Heurigen Österreichs. Mit 3,5 Hektar ist sein Weinbaubetrieb der größte in Vorarlberg und der einzige, der als Haupterwerb geführt wird. „Die besten Lagen befinden sich in unmittelbarer Nähe zum Bodensee, wo sie vom Klima des großen Sees profitieren“, erzählt er. Wie ein riesiger Fisch bettet sich der Bodensee in die fruchtbare Hügellandschaft.

Rund 30 Fischarten tummeln sich im zweitgrößten See der Alpen (nach dem Genfer See), und einige von ihnen sind wahre Delikatessen. „Der Bodenseefelchen ist wegen seines schmackhaften Fleisches mein absoluter Liebling“, sagt Franz Blum, Berufsfischer auf dem Bodensee in dritter Generation. Jeden Morgen um 4.30 Uhr startet er den Außenborder seines Bootes und holt die Netze ein, die er am Abend zuvor ausgeworfen hat. Seinen fangfrischen Fisch gibt’s täglich an der Theke oder im eigenen Seerestaurant („Fränzle’s“) in Fußach.

Im Bregenzerwald

Mit der Pfänderbahn ist man in nur sechs Minuten Fahrt auf dem Pfänder, dem 1.064 Meter hohen Hausberg der Bregenzer. Von hier oben schweift der Blick über die sanften Hügel, schroffen Gipfel und kleinen Kirchdörfer des Bregenzerwaldes. Es ist eine Gegend mit Charakter. Über Jahrhunderte war die Region nur mühsam erreichbar, abgeschottet und ­bewohnt von freiheitsliebenden Bauern. Bis heute gelten die Menschen hier als selbstbewusst, ja, eigenwillig.

Brauchtum und Traditionen spielen in ihrem Leben eine große Rolle. Immer schon war es den Bregenzerwäldern wichtig, ihren Lebensraum wohlüberlegt zu gestalten. So ­präsentieren sich die Dörfer in einem spannenden Miteinander aus alter und moderner (Holz-)Architektur, etwa in ­Bezau, Bizau oder Schwarzenberg. Es sind besondere Dörfer, wie das malerische Schwarzenberg, wo sich jeden Sommer internationale Künstler bei der Schubertiade, dem bedeutendsten Schubert-Festival der Welt, treffen. 

Und im Bregenzerwald wird eine besondere Küche gepflegt. Noch vor hundert Jahren war ein Brei aus Weizenmehl das Sonntagsmahl der Bewohner. Heute ist die Region eine österreichische Genussregion mit gehobener Gastronomie und ursprungsgeschützten Spezialitäten – fünfzig regionale Käsesorten sollen es mittlerweile sein. 37 Sennalpen, so heißen hier die Almen, zählt die „Käsestraße“, die auf verschiedenen Wanderrouten erreichbar sind. Senner erklären dort ihr Handwerk und belohnen den Aufstieg mit würzigem Bergkäse.

200 Tonnen Alpkäse werden im Sommer im Bregenzerwald von Hand geschöpft, die Milch wird frisch und roh verarbeitet. Das ist das ­Besondere an diesem Käse: Die Kühe fressen nie Silofutter, sondern von Mai bis Oktober Gras und Kräuter und im Winter das luftgetrocknete Heu von Talwiesen. Nur drei Prozent der Milchbauern in der EU produzieren den Käse noch auf diese Art und Weise.

Die schönste Stadt der Welt

Reisen wir weiter nach Feldkirch, in die „heimliche“ Hauptstadt Vorarlbergs, die bis heute Sitz des Bischofs und des Landesgerichts ist. Für viele Vorarlberger ist das mittelalterliche Feldkirch die schönste Stadt Österreichs, ja der ganzen Welt! Im Schatten der trutzigen Schattenburg flaniert man über Kopfsteinpflaster durch enge Gassen und lässt sich in den kühlen Laubengängen auf einen Espresso oder ein Frastanzer Bier nieder.

Nochmals zurück nach Bregenz. Es ist Abend geworden. Von ihrem Bauernhof oberhalb der Stadt beobachtet Karin Fetz, wie die Sonne langsam in den Bodensee eintaucht. „Die Lage von Bregenz am Ostufer des Sees ist einmalig“, schwärmt sie. Da der See 46 Kilometer lang ist, macht sich beim Sonnenuntergang bereits die Erdkrümmung bemerkbar. „Daher haben wir Sonnenunter­gänge wie auf Hawaii.“ Und das, ohne Österreich verlassen zu müssen.

Mehr Infos unter www.vorarlberg.travel

GUTE TIPPS 

Mundart

Die Vorarlberger pflegen ihre alemannischen Dialekte. Diese klingen ähnlich wie das Schwäbische oder wie „Schwyzerdütsch“. Jedes Tal, ja bisweilen jede Gemeinde, hat ihre sprachlichen Eigenheiten und Färbungen. Besonders ausgeprägt sind der Montafoner, der Lustenauer und der Bregenzerwälder Dialekt. 

Kleiner Vorarlberg-Sprachführer 

Net lugg lo!
Nicht nachlassen, nicht aufgeben – ein wichtiges Motto in Vorarlberg. 

ghörig
Universalausdruck u. a. für: gut, richtig, anständig

gsi
gewesen/war

rüabig si
ruhig sein

Heb Sorg! 
Pass auf dich auf!

Hock ane!
Setz dich hin!

Hoi!
Ausdruck des Erstaunens, etwa: Na so was!

Honds frei!
Habt eine angenehme Zeit!

Dussa oder dinna?
Draußen oder drinnen?

Häß
Kleidung

Tua hofele/höfele!
Sei vorsichtig/langsam/behutsam