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Das Ars Electronica Center ist ein Linzer Wahrzeichen. © Linz Tourismus / Robert Josipovic

Linzer Synthese: Transforming City

Ein Lied von Frischluft, Stahl und Höhenrausch. Und Torte.

Die unerwartete Leichtigkeit einer Stahlstadt zu erkunden, die ihrem prägenden Element, dem Metall, treu geblieben ist und eine gleichzeitige Transformation wagte, ist faszinierend. Linz ist voller Brüche und Verschmelzungen: Wissenschaft und Kunst gehen hier eine intensive Symbiose ein. Die Linzer Streifzüge sollten im Hotel Wolfinger mit seinen Biedermeiermöbeln und dem Speisesaal mit Blick auf den Hauptplatz beginnen. Bevor man sich in Stahlwelt und Kunstbetrieb wagt, kann man hier in Linzer Wurzeln wühlen: Das Gebäude, ursprünglich als Kloster erbaut, stammt aus dem 15. Jahrhundert. Seine pittoresken Pawlatschengänge sind wie aus der Zeit gefallen, in schönstem Sinne. Hier kamen Fürsten vorbei, Hans Christian Andersen kehrte hier ein und Anton Bruckner war Stammgast, was vermutlich auch das Einzige ist, das ihn mit mir verbindet. Etwaige Sorgen bezüglich mönchischer Kasteiung können an dieser Stelle vollends und überzeugend zerstreut werden: Statt Klause und Brot gibt es Lift und gute Matratzen sowie einen frischen Kaffee mit Croissants und Marillenmarmelade am Fensterplatz, von dem aus man das Erwachen der Stadt verfolgen kann. Und auch den Flohmarkt am Wochenende.

Tradition trifft Moderne

Aus Tradition wird in Linz oft Wagemut, Altbewährtes setzt sich wie die Steinchen eines Kaleidoskops in unerwartete Konstellationen, Linz schmilzt Vergangenheit und Zukunft – sei es in den spiegelnden schrägen Glasflächen neuer Gebäude, im Licht der Ars-Electronica-Fassade, in der Begegnung von Stahl und historischem Mauerwerk des Schlossmuseums, in den stählernen Biegungen der Skulpturen von Manfred Wakolbinger, in der Open-Air-Ausstellung im Museumshof oder in den hohen, bunten Glasfenstern des Neuen Linzer Doms, in denen der Bau des Gebäudes dokumentiert wird. Die Fenster selbst stellen dabei eine Art Social-Media-Kampagne längst vergangener Zeiten dar: Jeder Ort, der ein Fenster bereitstellte, konnte darin seine Geschichte thematisieren – und auch die edlen Spender selbst ins beste Licht rücken.

Lichte Höhe bietet natürlich auch das Eremitenzimmer (was als Projekt für das Kulturhauptstadtjahr Linz09 geplant war, ist gekommen, um zu bleiben) im Mariendom, wo man für eine Woche dem allzu Weltlichen entfliehen kann, wenn man keine Scheu vor den 395 Stufen hat, die man zum Erreichen der Klause bewältigen muss. Das klingt hart und ist es vermutlich auch, aber jede Erleuchtung gibt es schließlich nicht geschenkt. Danach liegt einem aber die ganze Stadt zu Füßen und die Gedanken sind vollends frei. Das bisschen Muskelkater kann dafür in Kauf genommen werden. Noch habe ich diese Erfahrung nicht gewagt, aber irgendwann einmal werde ich die Scheu vor der Stille wohl überwinden. Und schon wieder hat sich Linz von seiner widersprüchlichen Seite gezeigt – stählern und luftig, neu und alt. Dieses Zweierlei zieht sich durch, es ist Programm, es ist mittlerweile eine Art Linzer Versprechen.

Man kann, auf den Geschmack der Höhenüberwindung gekommen, auch noch den steilen Weg zum Museum bewältigen und danach über die Brüstung in die Donau blicken, ihre Stromschnellen studieren und den Gedanken freien Lauf lassen. Und wenn die Sehnsucht nach dem Abgehobenen sich wieder melden sollte, einfach über den Dächern wandeln: Der Kunstparcours namens „Höhenrausch“ macht es möglich. „Wie im Paradies“ heißt die neunte Ausgabe, die mit animalischen weiblichen „Cherubim“ der Künstlerin Sophia Süßmilch eröffnet, die nach biblischer Überlieferung ja eben diesen Paradieseingang bewachen sollen, bevor es erneut in die Höhe geht, wo derzeit ein filigranes Stahlkonstrukt andockt: „The Flying Ship“ des Künstlers und Nautikers Alexander Ponomarev, luftig wie eine zum Leben erwachte Tuschezeichnung. Ponomarev, der auch U-Boot-Fahrer ist, hegt den Traum, „von Unendlichkeit zu Unendlichkeit zu wandern“. Ein Blick auf das Luftschiff lässt an Vergänglichkeit denken, der nächste Blick aber tröstet mit zerbrechlicher Hoffnung auf Wiedergeburt und parallele Universen.

Genuss und Kultur

Doch allzu Luftiges muss auch irgendwann wieder geerdet werden. Wer also vom Wandeln und Philosophieren ermattet und seinen Hunger genussvoll stillen will, kehrt im entzückenden Restaurant „Die Wirtsleut“ im Leopoldistüberl ein. Hier gibt es Regionales und Biologisches, verwurzelt in der Tradition und dennoch neu gedacht wie so viele andere Aspekte von Linz: Schafgarbensirup und geräucherter Steinwels am Urkornsalat trifft auf Klassiker wie Gekochtes Rindfleisch vom Mühlviertler Biohof mit Liebstöcklkarotte, Semmelkren und Kartoffelschmarren. Die Mohnnudeln sind flaumig-buttriger Genuss. Wer dann noch immer von der Lust nach Süßem umgetrieben wird: Im Kaffeehaus Bruckner kann man weitervöllern mit Ausblick auf die Pestsäule. Die Pestsäule ist es vielleicht auch, die an die Pandemie erinnert – das Kaffeehaus macht aber mit vorbildlichster Hygieneregelung seine Räumlichkeiten zu einem sicheren Ort. Die titelgebende Torte mit dem Namen der Stadt ist weltbekannt und in unglaublicher Vielfalt zu finden, sie steht von Anbeginn in harter Konkurrenz zur Wiener Sachertorte und gewinnt deutlich in Führung. Wer mehr shoppen will als Linzer Torte, die hier in Kisten, Metalldosen und Papier dem Kauf entgegenfiebert, dem ist auch geholfen. Während ich schreibe, lacht mich übrigens ein türkises Kartönchen an, das ich beim Kaffeehaus Bruckner erworben habe und das auf den Moment einer Belohnung wartet. Und ich spüre diesen Moment langsam, aber sicher kommen. Wenn diese Linzer Geschichte auserzählt sein wird, wird das Gelage beginnen. Also in absehbarer Zeit. Aber wir waren ja beim Shopping. Eines der spannendsten Geschäfte in Linz ist Vintage und Design Isolde, das in der ehemaligen Markthalle, die wiederum im ehemaligen Zeughaus untergebracht war, untergebracht ist. Hier findet man Raritäten und Originale der Fünfziger-, Sechziger- und Siebzigerjahre – und einiges darüber hinaus. Neben Objekten von J.T. Kalman, Carl Auböck und Dansk Designs oder Einzelstücken von Kartell gibt es hier auf zwei Stockwerken ein Universum an diversen Lampen und Lustern, Plakaten und Krimskrams der edlen Art zu erforschen. Wer lieber mit dem letzten Schrei gehen möchte, kann auch das tun. In der Boutique Ruby findet man neben Speis und Trank und der heimischen Schickeria auch die Avantgarde-Marken Rundholz und Art Point sowie das kroatische Xenia Design, das ich in Wien übrigens sehr vermisse, zumal das Einkaufen in ihrer Boutique in Zagreb für einige Zeit coronabedingt unmöglich geworden war. Das klingt alles recht dicht und ist es auch – aber mir nach, werte Leser, denn wir sind noch lange nicht fertig. Man hat zwar schon ein ganz passables Programm bewältigt, das einen länger auf Trab hält, aber Linz kann noch mehr.

Linz hat natürlich neben Brucknerhaus, Landestheater und Stifterhaus (zugegeben, wenn man einmal anfängt, in Linz zu Kultur zu recherchieren, findet man weit mehr, als man dann tatsächlich in den Artikel aufnehmen kann, es gibt so vieles, dass man eigentlich drei Artikel schreiben müsste!) auch die unvergesslichen Kulturschwerpunkte Posthof und Lentos.

Die Kunst zu Zeiten der Pandemie ist nicht nur eine Herausforderung, sondern verlangt auch ein Umdenken. Das Landestheater löst diese Herausforderung mit der Forcierung des Open-Air-Programms, das im Schlosspark stattfindet und Lust auf zeitgenössischen Tanz und Theater macht. Vermutlich haben die Theatermenschen und das Publikum einander gleichwertig schmerzhaft vermisst – hier ist nun eine Wiederbegegnung möglich. Bilder einer Ausstellung als Tanzperformance (Mei Hong Lin) zwischen Mussorgski und Randomhype. Oder, wer es klassischer halten möchte: Gefährliche Liebschaften als Schauspiel. Oder die Lesung mit Sona MacDonald und Johannes Krisch, die sich in „Hemingways Liebeshöllen“ Hemingways diversen polyamourösen Abgründen samt Musikbegleitung nähern.

Lebendig fühlen im Posthof

Im Posthof hat man Corona-Not mit Lust und Tugend gekrönt und mit der Reihe Frischluft eine Freiluftbühne errichtet – maßgeschneidert und sehr gelungen. Eröffnet wurde die Saison mit den großartigen Musikern Ernst Molden und Nino aus Wien, ausgeklügeltem Sicherheitskonzept samt strenger Securities und eher kühlen Temperaturen – die beiden Erstgenannten trösteten über monatelangen Stillstand hinfort und die Letztgenannten taten der Begeisterung des Publikums keinen Abbruch. Der Blick in den dunkelnden Himmel, den Mond über den Kastanienbaumwipfeln und diese beiden Stimmen, die endgültig abheben lassen, rotzig, traurig, sehnsüchtig: In diesem Moment habe ich mich vermutlich nach all den Lockdowns, der Einsamkeit, der Stille das erste Mal wieder richtig lebendig gefühlt. Der Sommer wird jedenfalls sehr groß! Schon die Eröffnung war gehaltenes Versprechen von intensivem Wiedererleben und auch das Programm der nächsten Monate ist verlockend: Hier soll Ausgefallenes und Unbekanntes neben Publikumslieblingen Raum finden. Von funkelnden Newcomern wie My Ugly Clementine über Crash Test Dummies bis Willi Resetarits. Frischluft ist bekanntlich anregend und fördert die Gesundheit.

Im Lentos Kunstmuseum, dem Betonjuwel an der blauen Donau, findet sich dieses Jahr die Ausstellung „Wilde Kindheit“, dieüber Facetten des Heranwachsens berichtet und teils Verstörendes (Gottfried Helnweins Inspektionen der Grausamkeit und Maria Lassnigs Interpretation des salomonischen Urteils an einem Scheidungskind), aber auch Pointiertes (Julie Blackmon) bietet, garniert mit Zitaten von Astrid Lindgren und John Green. Ein dunkler Aspekt zeigt sich in der Ausstellung „Transformation und Wiederkehr. Radikale Nationalismen im Spiegel der zeitgenössischen Kunst“, die eine Spiegelung bietet: Schatten der Geschichte begegnet man hier genauso wie ihrer Verarbeitung. Manchmal begegnet man in Linz an der Schnittstelle aus Vergangenheit und Avantgarde auch gewissen Absurditäten. Als 1977 im Rahmen der forum metall die stählerne Plattenskulptur der Nike von Linz der Architekten- und Künstlergruppe Haus-Rucker-Co am Hauptplatz aufgehängt wurde, spaltete sie die Bevölkerung, wurde wenig schmeichelhaft als Fetzenvogel bezeichnet – und samt Skandal zum Teufel gewünscht. Jahre später kam das Objekt nach Linz zurück. Die Rührung über die Wiedergekehrte war groß. Manchmal braucht Liebe einfach etwas Zeit. Diese Zeit kann man sich für Linz eindeutig nehmen.

Julya Rabinowich

Die Schriftstellerin hat eine besondere Beziehung zu Linz: „Bei den Österreichischen Zeitgeschichtetagen hielt ich hier meine allererste Rede – und im Posthof eine meiner ersten Lesungen.“ Julya Rabinowich liebt die Spaziergänge entlang der Donau samt Pflichtbesuch im Lentos – und nicht zu vergessen „die Mehlspeise, die mich kulinarisch an diese Stadt bindet: die nussig-fruchtige Linzer Torte!“