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Ausflugsparadies nicht nur für Klagenfurter: Die beiden Spintikteiche sind ein ruhiger Gegenpol zum Wörthersee. © Petra Nestelbacher

Klagenfurt: Du meine Nemesis

Am See angefüttert, zerrissen und verdaut, nur um käsenudelgeschwängert als Kärntner Phönix aufzuerstehen. Die Geschichte meiner Liebe – von Kindheitserinnerung über Literatur zur Kulinarik und wieder retour. Eine kleine Geschichte meines inneren Wörthersees und die des real existierenden.

Klagenfurt hatte mich bereits mit zwölf Jahren an sich gebunden. Jahre fuhr meine Familie in allen Generationen in südlichere Gefilde und – weil meine Familie mit einer großen Entwurzelung aus der UdSSR nach Wien vermutlich genug von geografischen Experimenten hatte – immer an den gleichen Ort. Wir schlugen unsere Zelte nahe des Naturschutzgebiets Spintikteiche auf, zuerst in der alten Pension Dreschl, geführt von einer weisen, einäugigen Wetterhexe mit Kochkunst. Von ihr war man fußläufig in circa 20 Minuten beim Wörthersee, um sich den Kontrast zwischen dem stillen dunklen Moorteich, der geheimnisvoll matt in dichten Wäldern verborgen lag (und der dafür sorgte, dass die Haut nach nur einer Woche Aufenthalt samtig weich geriet), und dem sonnenglänzenden schicken Kärntner Meeresersatz, der das gleiche Türkis trug wie die Ägäis, eindrucksvoll vor Augen zu führen. Die Spintikteiche liegen oberhalb des Orts Maria Wörth, dessen Halbinsel eine gotische Kirche mit romanischem Kern trägt, malerisch im Winter wie im Sommer. Als wir dort urlaubten, waren das Fischen und das Schwimmen in dem tintenfarbenen, warmen Wasser erlaubt. Soweit ich es derzeit beobachten konnte, haben nun die Angler den Teich übernommen.

Meine Kindheit im „Süden“

Diese Welt, die mich als Kind jedes Jahr in unerschütterlicher Kontinuität erwartete, durch die Pubertät bis zur Rebellion, die dazu führte, dass Familienurlaube nicht cool genug für eine aufstrebende Goth-Vertreterin wurden, war ein Trost, der Ewigkeit versprach. Der Waldweg zum dunklen Teich, der von der Sonne aufgeheizte Badesteg am Wörthersee, die Eierschwammerl und Steinpilze, die mein Vater nach erfolgreicher Jagd auf dem Balkon der Pension ausbreitete wie Kriegsbeute, die violetten Lippen nach Verzehr der Waldheidelbeeren – das alles war wild und einfach und schön. Ein Mal oder zwei Mal wurde diese rurale Zeitlosigkeit unterbrochen, wenn wir mit dem Bus nach Klagenfurt fuhren, um „sich etwas umzusehen“.

Hier wurde die Askese der im Naturschutzgebiet total Zurückgezogenen mit dem gekippten Füllhorn der Fortuna hinweggeschwemmt. Auch damals schon mit Kärntner Kasnudeln, dieser unvergleichlichen Mischung aus Kartoffeln, Topfen und Minze, ganz genau genommen Kärntner Nudelminze (Mentha austriaca), idealerweise gehüllt in handgekrendelten (ergo schön eingedreht verschlossenen) Teig. Kaffee mit Kuchen gab es auf dem Markt, wo man immer noch wunderbar speisen und sich nebenbei mit hervorragenden klassischen Kärntner Reindlingen mit Zimt und Rosinen eindecken kann, mit den kleinen entzückenden Läden, in denen ich versuchte, meinen Eltern bunte Ohrringe herauszuleiern, weil mein Taschengeld nicht dafür reichte, mit dem jugendlichen Sehen und Gesehenwerden, mit der neuesten ausgeführten Sommermode (in meinem Fall: eher ungünstig platzierte Netzstrukturen auf Teeniebäuchlein). Und ach, die Mode war so viel leichter und ­luftiger als in Wien!

Dolce Vita in Kärnten

Klagenfurt verband und verbindet italienisches Flair, österreichische und slowenische Geschichte in einzigartiger Art und Weise. Dichter aller Generationen haben sich hier nicht umsonst inspirieren lassen. Klagenfurt ist auch ein Riss zwischen den Welten. Viele meiner Kollegen kamen von hier oder sind immer noch hier verwurzelt, ein- oder zweisprachig spezia­lisiert auf Blicke in den Abgrund: Peter Turrini, Josef Winkler, Maja Haderlap, Anna Baar. Die letzteren drei verknüpft mein Unbewusstes untrennbar mit den berühmten, berüchtigten, umstrittenen Tagen der deutschsprachigen Literatur, subsumiert unter der Arena am Wörthersee, an der alljährlich die morituri den Juroren salutieren. Ein in seiner Einzigartigkeit sehr empfehlenswertes Ereignis, das Literaturaffine aus der Schweiz, Deutschland und Österreich anzieht. Der Ingeborg-Bachmann-Preis lässt Jahr um Jahr Worte materialisieren – mal als sanftes Dahinplätschern, mal als dramatischer Tsunami. Schreibende aller Art finden sich hier im Frühsommer ein und versuchen ihr Glück und ihr Unglück, spielen Kiebitz, umkreisen satellitengleich das Buffet, spielen beim traditionellen Empfang Hide and Seek mit den Journalisten, während die Jurymitglieder sich wie Sphinxen hinter Weingläsern, Zigaretten und Zeitungsblättern verbergen. Die Jury hat ja noch fünf Tage Zeit, ihr wahres Gesicht zu zeigen.

Das große Wettlesen

Das Buffet bietet Lokales, unter anderem die Vervollkommnung des Teigigen, die one and only Kärntner Kasnudeln, bei denen wir schon waren, zu denen wir später wieder kommen werden, ebenso wie zu der Perle des Süßwassers, dem schmackhaften zarten Kärntna Låxn, einer See­forellenart mit Gepardenpunkten am schlanken Leib. Auch ich war einmal dort Gladiatorin, auch ich saß, händehaltend mit der ebenfalls geshortlisteten Maja Haderlap wie in einem grotesken Zerrspiegel, der an Germany’s Next Topmodel gemahnte, da und harrte der Verkündung durch die Jury. Maja bekam den Preis und ich einen verrissenen Nacken, der mich schief gezogen wie die Waldhexe von den Spintik­teichen, aber betont freundlich lächelnd den Saal verlassen machte. Alles in allem eine sehr schmerzhafte Erfahrung, ein Feuersiegel der Zugehörigkeit zur heimischen Literatur, erkauft mit Schmerzen und Inspiration.

Der obligate Bürgermeisterempfang in Maria Loretto, der der Eröffnung der Tage der Österreichischen Literatur immer so unvermeidlich folgt wie der Sonnenuntergang dem Sonnenaufgang, bot damals eine großartige Aussicht am See, der Blick, der über lodernden Himmel und dem Lodern antwortende Farbspiele im Wasser weiterwanderte bis zu dem Punkt, an dem ich Maria Wörth und damit die Urlaube meiner Kindheit vermutete, ließ den Fluss der Zeit sehr genau wahrnehmen. Der Blick vom Aussichtspunkt zeigt an schönen Tagen meist dasselbe Bild: meertürkise Fläche mit Sonnensprenkeln auf den leichten Wellen, gewunden und von Wäldern gesäumt. Ab und zu kreuzt ein Schiff von einem Ende des Sees zum anderen, an der kleinen Kirche von Maria Wörth vorbei.

Beinahe-Meeresbrise

Das Strandbad macht auf Rimini, aber mit mehr Abstand zwischen den Badenden. Wer sich eine Beinahe-Meeresbrise ins Gesicht wehen lassen will, dem sei eine Seerundfahrt sehr ans Herz gelegt, auch um die anderen Wörtherseeperlen kennen­zulernen. Italien ist nicht weit, aber der Wörthersee ist einer der schönsten Orte auf dem Weg dorthin oder von dort zurück, und einer der schönsten Aussichtspunkte ist eben Maria Loretto. Diesen Ort kann man natürlich auch aufsuchen, wenn er nicht gerade mit Schriftstellern, Journa­listen und Kiebitzen geflutet ist, sondern eigentlich jeden Tag – es wäre kein Verlust. Wenn einen der Hunger bei einem Bootsausflug überfällt, ist auch das kein Problem: Maria Loretto bietet eine eigene Marina zwecks Anlegen. Die Küche ist ­gehoben traditionell, die Kasnudeln schwimmen appetitlich in brauner Butter, der Fisch knuspert sich unverschämt auf dem Teller herum, wenn die Saison es ­erlaubt, gibt es die herrlichsten Steinpilze aus der Region, und als Dessert bietet sich ein Eisreindling mit Zimtzwetschken an. Wer im Hochsommer ein kühlendes historisches Gewölbe sucht, wird im Gasthaus im Landhaushof fündig. Auch hier findet man gehoben Klassisches sowie traditionelle Kärntner Küche mit Adriaeinschlag.

Wer aber satt ist an Österreichischem und Italienischem, der kann in der Atelier-Spezerei „Der Franzos“ zuschlagen – ein gemütliches, kleines, feines Bistro gegenüber dem Hotel Sandwirth. Von einem Franzosen geführt und mit Französischem gefüllt: Hier gibt es Käse aller Art (zum mit diversen Saucen vor Ort gemütlich Essen oder vorbildlich schön in Holzkistchen angerichtet zum Mitnehmen), die einem in ihrer Vielfalt und Geschmacksintensität die Knie erweichen lassen. Nebenbei auch beste Beratung zum passenden Wein, durchgeführt von Besitzer Hervé Claude Delclos, der lukullische Reisen von der Bretagne bis in die Provence verspricht, mit Plats du jour, Quiches und Terrinen. „Der Franzos“ ist der neueste Neuzugang meiner Klagenfurter Orte, die ich vor zwei Jahren entdeckte, ­dafür verabschiedete sich ein ebenso wunderbares kleines Lokal am Markt, in dem ich mit meiner ehemaligen Verlegerin zu sitzen pflegte und das neben weltbesten Risottos auch umwerfenden ­Zitronenkuchen anbot.

Von Shopping bis Hochkultur

Die Zeit, sie fliegt. Die Zitronenkuchen mit ihr. Ach. Wenn ich jetzt nach Klagenfurt fahre, dann beziehe ich mit Vorliebe das traditionelle Hotel Sandwirth, in Blickweite der Spezerei, das ­bereits mit seinem herrlichen Frühstück zu überzeugen weiß. Und, im Kärntner Sommer nicht ganz unwichtig, mit seiner Klimaanlage. Von dort lassen sich allerlei Ausflüge unternehmen, an den See selbst, zum Flanieren oder aber zum Einkaufen. Heute muss ich niemanden mehr um Ohrringe anbetteln, die Entscheidung, ob ich zu günstigen Leinenkleidchen oder zu teureren Modellen greife, obliegt nur mir. Italienische Schuhe gibt es in der ganzen Stadt verstreut wie Sand am Meer. Das Kaufhaus Grüner bietet für Fans hochwertiger Mode von Etro über Max Mara und Tods bis zu Henro Klassisches.

Wer sich abseits von Literatur und dem Robert Musil Literatur ­Museum der Kultur hingeben möchte, auf den warten das Stadttheater Klagenfurt, das ­Gustav-Mahler-Komponierhäuschen und das Museum Moderner Kunst Kärnten. Wer sich etwas weiter weg von Klagenfurt bewegen möchte, kann die privat geführte Skulpturen-Alm der art-lodge in den Nockbergen bewandern, wo man sich diverse Kunst teilen kann – mit Kühen. Zu hoffen bleibt, dass sich das von Josef Winkler geforderte und ersehnte Literaturhaus eines Tages doch noch in der für Literatur so schwerwiegenden Stadt materialisiert. Und über all dem schwebt, wie der Geist über den Wassern, die ewige Kärntner Nudl, die die wahre Kärntner Sonne ist, die niemals vom Himmel fällt.
Infos unter www.klagenfurt.at und www.woerthersee.com

GUTE TIPPS

Landhaushof
Gutbürgerliche österreichische Küche wird im Gasthaus im Landhaushof serviert: von den Kärntner Kasnudeln, auf Wunsch auch gerne geröstet, über die gepökelte Rinderzunge bis zum Malzbiergulasch mit hausgemachten Knödeln. Und man speist unter einem wunderschönen Gewölbe.
Infos unter www.gut-essen-trinken.at/der-landhaushof

Der Franzos
So breit ist das Angebot der bei Hervé C. Delclos angesiedelten französischen Küche: Weine, Käse, Pasteten, Quiches, Terrinen und Mousses.
Infos unter www.derfranzos.at

Hotel Sandwirth
Da das Hotel bereits seit 1735 besteht, erfreute man sich hier schon über viele prominente Gäste, von Napoleon bis Udo Jürgens. Das traditionsreiche Haus beherbergt 106 Zimmer bzw. Suiten.
Infos unter www.sandwirth.at

Robert Musil Literatur Museum
Der Dichter von „Mann ohne Eigenschaften“ kam in Klagenfurt zur Welt. Im Geburtshaus ist Robert Musil zu Ehren ein Museum eingerichtet – ein Zentrum der Kärntner Literatur ebenso wie ein Muss für Liebhaber des Musil-Werks.
Infos unter www.musilmuseum.at

Stadttheater
Schon alleine der Bau ist eine Pracht: Das im Jahr 1910 eröffnete Klagenfurter Stadttheater wurde von Ferdinand Fellner und Hermann Helmer geplant. Auf dem Programm des südlichsten Theaters des deutschsprachigen Raums stehen heuer etwa Verdis „Rigoletto“ und das Musical „Annie Get Your Gun“.
Infos unter www.stadttheater-klagenfurt.at

Museum moderner Kunst
Zeitgenössische bildende Kunst findet man in der Klagenfurter Burg. Bis Mitte Mai sind noch Werke von Pepo Pichler zu sehen, ab 11. Juni ist eine Ausstellung dem Werk von Günther Domenig gewidmet.
Infos unter www.mmkk.ktn.gv.at