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© Heidrun Henke

Sieben Tage Sinai

Elf Frauen auf der Suche nach dem Abenteuer in der ägyptischen Wüste.

Am Flughafen Sharm el-Sheikh in Ägypten treffen wir uns das erste Mal. Davor kannten wir einander nur via Zoom-Konferenzen, in denen wir sowohl Packlisten als auch unsere Bedenken durchgingen. Jetzt in der Ankunftshalle begrüßen wir einander herzlich, als wäre es ein Wiedersehen. Vom ersten Moment an herrscht eine tiefe Verbundenheit zwischen uns. Wir kommen alle aus verschiedenen Himmelsrichtungen (Wien, Hamburg, Berlin …) und wollen von nun an ein Stück unseres Weges gemeinsam gehen: durch die Wüste auf dem Dromedar.

„Vorreiterin“, in jeder Hinsicht, ist Anna, die Leiterin unserer Truppe. Seit sieben Jahren organisiert sie Wüsten-Retreats dieser Art durch die Sahara und den Südsinai, begleitet von viel Erfahrung und Feingefühl, und hält die unsichtbaren ­Fäden der Gruppe zusammen. Durch ihre Gelassenheit und vertrauenerweckende Art kommt niemals Angst oder Unsicherheit auf. Ich kenne Anna von ­einem Workshop über Female Empowerment, die ­anderen Wüstenschwestern folgen ihr schon lange auf Instagram – und nun durch die Wüste. Da sind wir aber nicht auf uns alleine gestellt: Sechs Beduinen begleiten uns, weisen uns den Weg, kochen für uns und satteln die Dromedare.

Nach unserer Ankunft am Flughafen fahren wir einige Stunden mit einem Minivan durch die karge Felslandschaft ans Rote Meer, nahe der Stadt Nuweiba. Um uns zu akklimatisieren, verbringen wir hier die ersten Tagen der Reise, ­gewöhnen uns an die Temperaturen und das ­Essen, lernen uns kennen, gehen schnorcheln oder ­praktizieren Yoga. Gesprächsrunden und Achtsamkeitsrituale sollen uns helfen, uns auch seelisch auf die Magie der Wüste vorzubereiten. Einen Großteil unseres Gepäcks lassen wir im Camp zurück, wir brauchen nicht viel. Das Wichtigste ist ein warmer Schlafsack, denn in der Nacht kühlt es stark ab, dazu noch Stirnlampe und Sonnencreme sowie Kohletabletten, wenn die Verdauung rebelliert. Trotz aller Vorbereitung löst der Tag, an dem wir mit Jeeps in die Wüste gebracht werden, dann doch einen gewissen Schock aus.

Mit Vollgas ins Sandmeer

Mit wüstentauglichen Autos fahren wir mit Vollgas immer tiefer ins Gelände, driften am Sand und lassen uns im Laderaum durchschütteln. Im Nirgendwo werden wir ausgespuckt, unsere Fahrer samt Pick-up machen sich aus dem Staub und fahren zurück in Richtung Zivilisation. Zurück bleiben nur die Reifenspuren und der aufgewirbelte Sand. Die neue Umgebung präsentiert sich anfangs wie ein Filmset, ungewohnt und surreal. Der klare Blick für die Schönheit dieser Landschaft bleibt uns zunächst noch verwehrt. Fluchtartig suchen wir Schutz im Schatten eines Baumes – übrigens dem einzigen weit und breit – und erholen uns von der aufreibenden Rallye.

Die Beduinen, die uns die nächsten Tage durch die Wüste geleiten, erwarten uns schon freundlich. Wir unterhalten uns mit Händen und Füßen sowie ein paar Brocken Englisch und Arabisch. Sliman, der Anführer unserer Karawane, serviert uns Çay auf einem Silbertablett. Der traditionelle Schwarztee besteht vor allem aus Zucker mit etwas Tee. Aber egal, es ist genau das, was wir jetzt brauchen. Die Dromedare stehen abseits und grasen. Aber kann man das hier überhaupt so nennen? Laut schmatzend verschlingen sie die Äste samt Dornen eines Strauches, ganz so, als wäre es eine Delikatesse. Danach werden die stolzen Tiere gesattelt. In den Taschen hat erstaunlich viel Platz: unser gesamtes Gepäck, unzählige Wasserflaschen und Kanister sowie die gesamte Verpflegung für unseren siebentägigen Trip. Ein Kühlschrank geht sich jedoch beim besten Willen nicht aus. „Wie wollen sie nur unser Essen frisch halten?“, denken wir insgeheim.

Ritt auf dem Wüstenschiff

Wir fassen unser Reittier aus. Es heißt, jeder bekommt das Dromedar, das er ­gerade auf seinem Lebensweg braucht. Der Aufstieg ist nicht einfach, zum Glück helfen uns die Beduinen. Denn wenn sich so ein Dromedar erhebt, gleicht das einem mittleren Naturschauspiel. Wer sich nicht gut festhält, liegt rasch wieder unten. Sitzt man einmal fest im Sattel, hat man von hier oben einen fantastischen Ausblick auf die Umgebung. Auf ganz viel Nichts!

Die Magie der Wüste begreifen wir erst Schritt für Schritt. Wer die Wüste als Ganzes fassen will, wird unweigerlich scheitern, zu groß sind ihre Dimensionen. Man muss sie sich Stück für Stück erarbeiten. „Slowly, slowly“, wie die Beduinen zu sagen pflegen. Wer rennt, verliert in der Wüste. Die Gegend scheint zunächst etwas unwirtlich und bedrohlich. So widersprüchlich es scheint, doch diese immense Weite, ganz ohne Begrenzung, ruft anfangs eine gewisse Beklemmung in mir hervor. Die ersten Nächte in der Wüste sind eher schlaflos. Doch zum Ausruhen sind wir sowieso nicht hierhergekommen, das große Abenteuer ruft. Es ist ein einzigartiges Erlebnis, wenn langsam die Sonne aufgeht und der dunkle Nachthimmel sich in ein warmes Orange verwandelt. Ob man will oder nicht, hier wird man zum Frühaufsteher, denn die ersten Sonnenstrahlen zeigen sich schon ab fünf Uhr. Das Frühstück ist nach dem Sonnenaufgang das nächste Highlight des Tages. Es gibt selbst gemachtes Fladenbrot, direkt über dem Feuer gebacken, mit Gemüseeintopf aus Auberginen, Kichererbsen, Tomaten, Kartoffeln und orientalischen Gewürzen. Dazu werden Schafkäse und Gurken ­gereicht. Und was für ein Wunder, alles schmeckt frisch und knackig!

Die Liebe zu dieser einzigartigen Landschaft wächst in uns mit jedem Meter, den wir zurücklegen. Das sanfte Schaukeln auf dem Rücken der majestätischen Dromedare versetzt uns in einen meditativen Zustand. Unsere Atmung wird tiefer, der Geist ruhiger. Gemeinsam mit dem leichten Wind, der die Haut streichelt, der ­alles durchdringenden Wärme und dem gleißenden Licht stellen sich Glücksgefühle und eine tiefe Zufriedenheit ein.

Dünen und Felsschluchten

Wir feiern den Moment, schärfen unsere Sinne und geben uns ganz der Natur hin. Nichts lenkt mehr ab von der vorbeiziehenden Landschaft, die sich langsam, doch stetig verändert: Mal ist sie ein Meer aus Sand, dann wie eine mit Gräsern durchwachsene Steppe oder es treten aus dem Nichts bizarre Felsen hervor, in Form ­eines Löwenkopfs oder was man sonst ­darin sehen will. Dann wieder gehen wir auf Geröll und Steinen oder steigen Felsschluchten hinab. Auch die Farbpalette ist abwechslungsreich und changiert von Hellbeige über Sonnengelb bis hin zu Terrakottarot.

Die Hitze im Frühling und Herbst ist ­erträglich. Sie ist trocken, man schwitzt kaum und manchmal verschafft eine sanfte Brise etwas Abkühlung. Doch ohne Schatten wären wir ausgeliefert. Zu Mittag kann die Sonne so unbarmherzig sein, dass man sich schnell einen Felsvorsprung sucht, unter dem man die heißesten Stunden des Tages abwartet. Zum Glück finden unsere Beduinen immer ­einen ­kleinen Schattenplatz, wo wir uns zusammenkauern oder ein Nickerchen machen können. Mit jedem Tag in der Wüste gewinnen wir mehr Vertrauen: in unsere zusammenwachsende Gemeinschaft, in die übermächtige Natur und auch in uns. Wir lernen ebenso Kontrolle abzugeben und uns blind auf die Beduinen zu verlassen. Für viele von uns, vor allem für die Mütter, eine ganz ungewohnte Rolle. ­Alhamdulillah (Arabisch für „Gott sei Dank“) kennen die Beduinen immer den Weg, auch ohne Kompass. Es ist uns ein Rätsel, woran sie sich orientieren, wo doch alles gleich aussieht. Selten wie eine Oase gibt es Handyempfang – die Beduinen kennen natürlich alle Hotspots. „Im Worst Case checken wir uns ein Uber“, witzeln wir.

Weniger ist hier Mehr

Ohne unsere Beduinen, unsere Wüstenhelden, wären wir komplett aufgeschmissen. Sie überblicken alles, sind umsichtig und führen unsere Gruppe mit Gleichmut und Humor. Während der ganzen Reise stehen sie uns helfend zur Seite und lesen uns buchstäblich die Wünsche von den Augen ab, die hier freilich sehr bescheiden ausfallen: Wasser, Schatten, Schlafen, Absteigen vom Dromedar (für ein Foto oder um kurz auszutreten). Ihre respektvolle und unaufgeregte Art gibt uns das Gefühl von Sicherheit. Als sich einmal ein giftiger Skorpion in unsere Nähe wagt, kommen sie mit Fackeln angerückt und verteidigen uns. Und am Abend beim Lagerfeuer sorgen sie für Unterhaltung, machen Kopfstände, tanzen, balancieren Wasserflaschen oder singen alte Beduinenlieder. Da die Instrumente fehlen, klopfen sie den Takt auf großen Wasserkanistern und ihrem Kochtopf. Der Zauber entsteht durch das Weglassen, durch das Einfache. So wie eigentlich alles auf dieser Reise.

Die Beduinen sind in vielerlei Hinsicht ein Vorbild für uns, wir lernen das Wesentliche von ihnen: im Moment zu leben, die Magie der Langsamkeit, die kindliche Neugier wiederzuentdecken und einen Schritt vor den anderen zu setzen. Es passiert in Wahrheit nichts Großartiges, die Tage sind gleichförmig, die Tätigkeiten beschränken sich auf das Notwendigste wie Essen, Feuermachen, Schlafplatzsuche. Und doch passiert ganz viel mit uns und in uns. Urvertrauen, Zuversicht, neue Perspektiven und Dankbarkeit wachsen in uns. Am Abend liegen wir Kopf an Kopf auf dem Wüstenboden, gehüllt in unsere Schlafsäcke, blicken auf das überwältigende Firmament und warten auf Sternschnuppen. Aus der Entfernung hören wir leise die Musik der Beduinen am Lagerfeuer, die uns sanft in den Schlaf lullt und uns das Gefühl gibt, endlich angekommen zu sein.
Bei uns.

Autorin und Fotografin

Heidrun Henke aus Wien ist freie Fotografin und Storytellerin, die regelmäßig vom Reisefieber gepackt wird. Sie versucht, mit ihrer Kamera die einzigartigen Momente des Lebens festzuhalten und ihre gewonnenen Eindrücke mit Geschichten und Bildern zu erzählen.

GUTE TIPPS

Flug und Taxifahrt
Von Wien gelangt man mit Pegasus Airlines via Istanbul nach Sharm el-Sheikh ans Rote Meer. Vom Flughafen geht’s in zwei Stunden mit dem Taxi nach Nuweiba. Der kleine Ort liegt am Golf von Aqaba, an der Südspitze der Halbinsel Sinai. Entlang der Küste haben sich zahlreiche Camps und Ressorts für Taucher und Schnorchler angesiedelt. Das beste Urlaubsklima ist zwischen September und Mai mit Temperaturen zwischen 20 und 33 Grad.
www.egypt.travel/de

Camp Rocksea
Dieses Camp ist für alle, die das Einfache lieben. Das Eco-Resort wird zu 100 % mit Solarenergie versorgt und von zwei Deutschen geführt. Herzliche und entspannte Atmosphäre, gemütliche Strandbar mit super Küche
und Korallenriff direkt beim Hausstrand.
www.rocksea.net

Wüsten-Retreats
Anna Nussbaumer bietet Wüstenretreats in Ägypten und Marokko an, ab Herbst auch Wüstenreisen für Männer und Frauen.
www.annanussbaumer.com