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Das Westufer des Lake Michigan beschenkt Chicago mit einer fast 20 Kilometer langen grünen Küste. © Patrick L. Pyszka/City of Chicago

Chicago: Hauptstadt der Herzen

Chicago ist die drittgrößte Stadt der USA, aber in puncto Sympathie und Lebensqualität die Number One. Al Capones einstige Mafia-Hochburg in Illinois hat sich zur grünen Metropole gemausert. 

Rush Hour am Chicago River: Während mein kleines Paddelboot in der Nähe des Kais auf den Wellen schaukelt, ist in der Mitte des Flusses Highlife angesagt. Neben mir tummeln sich Ausflugsdampfer, Bootstaxis, das edle Speedboot eines Millionärs und sogar ein Transportschiff. Am Ufer begleitet mich auf meiner Fahrt ein neuer, zwei Kilometer langer Riverwalk, der zur beliebten Ausgehmeile avanciert ist. Denn Leben am Wasser steht derzeit auch in Chicago hoch in Kurs, selbst wenn man sich schon seit Langem an der viele Kilometer langen Küste des Lake Michigan erfreut.

Neues Leben für den Fluss

Der Chicago River ist ein Sinnbild für die Metamorphose eines grauen Industriemolochs zu einer Stadt des Wohlfühlens. Noch in den 1980er-Jahren wurden neue Häuser am River ohne Balkone und mit wenigen Fenstern zur Wasserseite gebaut. Denn der Fluss war eine Kloake, stark verschmutzt und fürchterlich stinkend. Heute kann man sich das gar nicht mehr vorstellen, nachdem der Chicago River ab den 1990er-Jahren gerettet worden ist und nach wie vor weiter begrünt und ­attraktiviert wird. 

Während der Fahrt mit dem Paddelboot streift der Blick hinauf, eine gigantische Kulisse, die geprägt ist von einer Mischung aus vielen alten Hochhäusern und außergewöhnlichen modernen Wolkenkratzern. Hier finden sich Bauwerke des Bauhaus-Architekten Mies van der Rohe ebenso wie der riesige Art-déco-Gigant Merchandise Mart, ein Kaufhaus, das bei der Eröffnung im Jahr 1930 das größte Gebäude der Welt war.

Nach zwei Stunden beende ich meine Paddeltour an der Michigan Avenue Bridge, wo Apple am Kai einen seiner aufsehenerregendsten Shops errichten ließ – das Dach in Form eines Laptops. Vis-à-vis das altehrwürdige, 134 Meter hohe Wrigley Building aus dem Jahr 1920. Der Kaugummi-Magnat, untrennbar mit der Geschichte Chicagos verbunden, ließ hier seine Firmenzentrale als erstes klimatisiertes Bürohochhaus der Welt errichten. 

Direkt daneben beginnt die „Magnificent Mile“, die tatsächlich eine Meile (1,6 km)lang ist. Sie zählt – so wie die 5th Avenue in New York oder die Pariser Champs-­Élysées – zu den berühmtesten Einkaufsstraßen der Welt. 

Hier sind nicht nur Edelmarken-Shops zu finden, sondern auch ein seltenes Relikt: Der Wasserturm aus dem Jahr 1869 ist eines der wenigen Gebäude, das den großen Brand im Jahr 1871 überstanden hat. Diese Katastrophe war für die ganze Stadt verheerend, machte aber auch einen kompletten Neuanfang in der Stadtplanung möglich. Chicago nutzte die Chance, was mit der Ausrichtung der Weltausstellung 1893 gekrönt wurde. In der Folge galt die größte Stadt Illinois’ auch als Geburtsstadt des Wolkenkratzers, in deren Welt ich gleich eintauchen möchte.

Wo Chicagos Herz schlägt

So führen mich meine Schritte vom chilligen Chicago River nicht gen Norden in den Shopping-Himmel, sondern über eine der zahllosen Aufklappbrücken in die entgegengesetzte Richtung, nach Downtown. Dieses lebendige Viertel, The Loop genannt, mit der anmutigen Skyline bildet die typischen Postkartenmotive ab. Hier pocht nicht nur das wirtschaftliche Herz der Stadt, The Loop ist auch das Ausgeh- und Vergnügungszentrum Chicagos, mit Theatern und Museen, Restaurants und Bars. Hier wird Chicago auch wieder seinem Ruf gerecht, die Stadt der aufregenden Gegensätze zu sein. Denn direkt an die Wolkenkratzerwelt, wo übrigens auch die berühmte Route 66 ihren Anfang nimmt, grenzt eine grüne Oase, die Waterfront Richtung Lake Michigan. 

Vor mehr als hundert Jahren hat Chicago das Seeufer vor jeglicher Bebauung geschützt, mit Ausnahme von Museen (siehe Tipps rechts). So ist der Lakefront Trail über eine Länge von 30 Kilometern exklusiv für Radfahrer, Skater und Flaneure reserviert. Selbst diese paradiesische grüne Lunge, dieses für eine Großstadt unvergleichliche Erholungsgebiet am Wasser, reichte Chicago nicht. So wurde ein riesiger Rangierbahnhof überdacht, mitten in der City, am Rande des Loop – und natürlich begrünt. Der Millennium Park gilt seit zehn Jahren als eine der beliebtesten Touristenattraktionen.

Bunte Welt der Neighborhoods

Um die Vielfalt der Stadt zu erleben, steige ich in die U-Bahn ein, die zum Teil auf Stelzen über dem Straßenniveau dahinfährt. In ein paar Minuten bin ich in Pilsen. Wie der Name schon verrät, lebten hier früher tschechische Einwanderer. Heute sind in dieser Neighborhood vor allem Hispanics zu Hause. Beim Aussteigen aus der U-Bahn empfängt mich gleich an einer Hausmauer ein Abbild von Frida Kahlo, Maler-Ikone der Mexikaner. Und auch der weitere Rundgang durch das Viertel zeigt alleine anhand der Geschäfte und Restaurants, wie intensiv die Einwanderer ihre neue Heimat prägen.

Nicht nur hier im amerikanischen Pilsen. Chicago weist nämlich so viele ethnische Gruppen wie keine andere Stadt in den USA auf – und lädt damit zu einer Reise quer durch die ganze Welt ein. Früher suchten vor allem Europäer ihr Glück jenseits des großen Teichs, zum Beispiel Iren, Deutsche oder Schweden. Und natürlich Italiener. Sie haben Chicago mit einer kulinarischen Besonderheit beschenkt, deren Genuss jedem Besucher ans Herz zu legen ist: die dicke Deep Dish Pizza. Diese erinnert eher an eine Quiche. Zuerst kommt der Käse auf den Pizzaboden, dazu ein hoher Rand. Das Ganze wird schließlich mit Tomaten und Wurst gefüllt und bis zu 45 Minuten lang gebacken. Denn gut Ding braucht Weile.