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Am Canal Grande geht es angesichts vieler Privatboote, Wassertaxis und Vaporettos mitunter sehr geschäftig zu. © Getty Images

Julya Rabinowich: Mein Venedig

Von den Kunstwerken der Renaissance und der Moderne, von exquisiten Schuhen und Zabaionecreme, von der Gischt, die vor dem Bug der Vaporettos spritzt, und dem Restaurant mit Blick auf die Friedhofsinsel – mein Venedig ist ein perfekter Kreis von Schönheit, Morbidität und köstlicher Raffinesse.

Venedig ist der zweite Herzort, an dem ich am liebsten schreibe, gleich nach Wien. Diese Stadt erlöst mit ihren Gerüchen, ihrer unvergleichlichen Architektur, mit den unausweichlichen Köstlichkeiten, mit einer Nostalgie jeder Art, mit ihrer Unheimlichkeit und ihrer Schönheit zuverlässig aus jeder Schreibblockade. Und ich wachse mit ihr der ­Zukunft entgegen: Das erste Mal, als ich in Venedig den Fuß auf ein Vaporetto ­setzte, war ich gerade 12 Jahre alt. Mein ­Vater, der für die Lagunenstadt brennende Maler, der hier seiner Leidenschaft nachging, wollte meinen ­Horizont erweitern und nahm mich zu ­einer Studienreise mit.

Das war mitten im Spätherbst, La ­Serenissima trug Nebel und stahlgraue Wellen, einen verhangenen Himmel und scharfen Wind und jede Menge bunter Ballerinas in all ihren Schuhlädenaus­lagen. Solche, deren Anziehungskraft bei Weitem die alten Meister überstrahlte, die mein Vater mir näherzubringen vor­gehabt hatte. Was soll ich sagen, die ­folgenden zwei Tage waren nicht nur ein kolossaler Kampf der Generationen, ­sondern auch eine Herausforderung des familiären ­Zusammenhalts. Und als wir nach Hause aufbrachen, ich in seliger Verzückung, die Ballerinas an meine Brust gedrückt, zischte er hinter zusammengebissenen Zähnen hervor: „Nie ­wieder!“

Hier gibt es keine Einsamkeit

An diese Szene muss ich immer und ­immer wieder denken, denn in der ­Zwischenzeit war ich vermutlich an die fünfzig Mal in der Lagunenstadt: mit ­meinem damaligen Mann, mit ­meinen Freundinnen, mit meinem Kind, ­manchmal mit allen gleichzeitig. Sehr, sehr oft allein. Venedig ist eine Stadt, die das Alleinsein niemals zum Einsamsein degradiert. Man ist begleitet von ihren gewundenen Gässchen, von dem Plätschern des Wassers an die Ufersteine der Kanäle, man geht unter in den unerschöpflichen Menschenmassen um den Rialto, man teilt miteinander die Vaporettos, am Strand des Lido fliegen einem die Möwen hinterher, in den Museen begleiten die ­Besucher Jahrhunderte der Kunst­geschichte und in den schummrigen ­Gewölben der Kirchen das rote Glimmen der Kerzen und der Hall der eigenen Schritte unter den schwindelerregend ­hohen ­Kuppeln. 

Die Schätze der Pasticceria

In der Palazzina Veneziana, einem kleinen Hotel, das sich in einem Minipalazzo befindet, verbrachte ich meinen 40. Geburtstag. Ganz allein. Schreibend und sehr inspiriert. Auf der Terrasse sitzend, kann man direkt auf die pittoreske Brücke  sehen und dem Treiben auf dem Straßenmarkt zuschauen, während man seine Süßgebäck-Beute verspeist. Die besagte stammt aus meiner liebsten Pasticceria Dal Mas. Der seit 1906 bestehende Traditionsbetrieb streckt einem gleich beim Bahnhof Santa Lucia, in der Rio Terà Lista di Spagna, ihre Verlockungen entgegen und hat – trotz der unnoblen Umgebung – nach wie vor eines der exquisitesten Angebote, wovon auch viele Auszeichnungen an der Glastüre zeugen. Hier gibt es den köstlichsten Cappuccino, im Herbst ­glasierte Maroni und rund ums Jahr die kleinen Erdbeerschüsselchen und die mit ­Zabaionecreme gefüllten Windbeutel. Weiter die Straße entlang öffnet sich das alte Ghetto. Nach wie vor ist ­Cannareggio mein liebster Bezirk Venedigs – sei es, weil meine erste Reise mich dorthin führte, sei es, weil mein zweiter immerwährender Fixpunkt sich da be­findet: der exquisite Laden namens ­Mori&Bozzi. 

Kunsthandwerk aller Art

Ursprünglich gab es hier ausschließlich originellste Schuhe – von ausgefallenen Modellen von Moma bis zum eleganten Schuhwerk anderer italienischer Designer. Im Laufe der Zeit weiteten die beiden reizenden Besitzerinnen, die ihre Kollektionen in ganz Italien aufstöbern und ­zusammentragen, das Sortiment aus: ­origineller, dennoch schlichter Schmuck,  Kleidung von italienischen und internationalen Designern, Hütchen und Mützen. Jahr für Jahr war der Besuch bei
Mori&Bozzi der Beginn meines Venedigaufenthalts, und die meisten Stücke, die ich bei meinen Auftritten trage, stammen von hier.

Wir lassen die touristischen Hotspots aus, sie werden einem unweigerlich begegnen. Jeder Pfad in Venedig führt, so scheint es, irgendwann einmal zum Markusplatz mit seinen Tauben- und Touristenschwärmen vor dem weiß­betürmten Dogenpalast, die sich dort in perfektem Gleichgewicht inszenieren. Im Caffè Florian saß schon Alma Mahler-Werfel mit ­Oskar Kokoschka, und wer könnte danach ein Niederlassen verwehren? Wer sich den Weg durch die Touristenströme bahnt (und dabei verlässlich jedes Mal an Commissario Brunetti denken muss, der sich immer leicht bis hoch­gradig genervt durch diese Menschenmassen schiebt) und durch die Giardini zu einem ruhigeren ­Ablegeort als San Zaccharia eilt, kann hier eine Überfahrt zum Lido riskieren und dort im Frühjahr und im Herbst eine romantische Wanderung über die Dünen unternehmen, während das Touristische vor sich hin schlummert.

Im Sommer verbrennt man sich hier die Sohlen an den aufgeheizten Platten des Boulvards, der zum Strand führt – und wenn man ehrlich ist, hat Venedig wirklich andere Schwerpunkte zu bieten als den Strandurlaub. Aber die Rückfahrt hat es zu jeder Jahreszeit in sich, zum Beispiel an der Scheitelstelle der beiden Kanäle, dort, wo die goldene Figur mit dem riesigen Segel die Windrichtung anzeigt wie vor Hunderten von Jahren schon. Es gibt kaum etwas Schöneres als diesen Ausblick, dem man näher und näher entgegenschippert, bis das Vaporetto in den Canal Grande einbiegt, vorbei an den Palazzi, von denen jedes einzelne eine lange Geschichte zu erzählen hat. 

Die morbide Seite der Lagunenstadt

Wer gar nicht genug bekommen kann von Venedigs Ebben und Fluten, der kann auch eine Rundfahrt unternehmen, den ganzen Bogen um die Lagunenstadt ziehen, von den Docks über die Friedhofsinsel San Michele, wo Igor Stravinsky oder der Dichter Ezra Pound begraben liegen. Gegenüber befindet sich übrigens ein sehr passables Restaurant, die Tischchen direkt mit Blick auf das Memento mori. In der Accademia kann man dieses Memento in Form der Pieta von Tintoretto mit all ihrem dunklen ­Gewicht auf sich einstürzen lassen. 

Venedigs morbide Seite drängt sich zwischen dem Bunten, dem Sonnenbestrahlten, dem schmerzlich Schönen immer wieder hervor – in den verfallenden Fassaden alter Gebäude, in den Meisterwerken diverser Ausstellungen, in dem Sinken der ganzen Stadt, unausweichlich und gnadenlos. Spätestens bei diesem Gedanken will man ins volle Leben zurück, sofort, instant, auf der Stelle. Es ist gut, dass die Pasticceria Dal Mas auf dem Weg zum Nachtzug liegt. La dolce vita ist damit garantiert. Für die nächsten Stunden.

Julya Rabinowich

Die Wiener Schriftstellerin liebt Venedig über alles und war im Februar für GUTE REISE in der Lagunenstadt. Von ihrer Recherche zurückgekehrt nach Wien, erkrankte Julya Rabinowich und musste in Quarantäne. Corona wurde aber zum Glück nicht diagnostiziert. So bald wie möglich wird sie sich wieder von Venedig betören lassen.