+43 1 740 32-0willkommen@gutereise.eu
Kiez-Fest am Ufer der Spree. Ein Kiez ist in Berlin das, was in Wien als Grätzl bezeichnet wird. Im Hintergrund sind der Fernseh­turm und die ­Turmspitze des Roten Rathauses zu sehen.© DTZ/Sabine Lubenow

Julya Rabinowich: Mein Berlin

Seit dem Mauerfall 1989 hat die Metropole an der Spree einen gewaltigen Wandel erlebt und sich trotzdem ihren rauen Charme erhalten. Berlin ist heute eine Stadt ohne Zentrum, aber mit vielen verschiedenen Gesichtern, die man gesehen haben muss.

Es ist nicht leicht, eine der bemerkenswertesten Städte der Welt, die im Kalten Krieg eine ­unfassbar zerbrechliche Rolle zugewiesen bekam, als Drehscheibe par excellence im Schwebezustand, zu sein. Es ist auch nicht leicht, sie zu begreifen. Mein erster Berlin-Besuch datiert auf knapp nach der Maueröffnung: Ich sah sie noch fast vollständig stehen. Und auch Checkpoint Charlie. Und die Feste und Konzerte, die spontan entlang der Mauer aufblühten: wilde und unerwartete. 

Zwischen den Welten

Das Haus im Ostteil der Stadt, in dem ich damals wohnte, war frisch besetzt worden und offenbarte einiges an Wahnsinn und Wagemut, hier tummelten sich durchaus in jeder Hinsicht Lebensradikale: Pros­tituierte, Feministinnen, Studenten, Obdachlose, Vollblutpunks und Mitläufer, manchmal in den abenteuerlichsten Abmischungen der gleichzeitigen Zugehörigkeit zu mehreren der genannten Gruppen. Ich pendelte öfter zwischen der österreichischen Botschaftsvilla, da dort zu jener Zeit eine Freundin meiner Mutter residierte, und dem besetzten Haus: eine Gratwanderung zwischen Welten, deren Höhepunkt die von mir getätigte Auslieferung von übrig gebliebenem Festbankett bildete. Man fragte nicht genauer nach, wo denn die vielen feinen Lachsbrötchen herkamen. Brecht hatte, wie immer, recht. Genau genommen aber war damals ganz Berlin eine Gratwanderung zwischen Welten. 

Rasanter Wandel

Wenig ahnte ich damals davon, wie sehr sich das Gesicht der Stadt in diesen Jahren verändern würde: zwischen den Altbauten schossen Glastempel in die Höhe, die Mieten übten sich in Zellteilung, die außer Kontrolle geriet, renommierte Verlage verlegten ihre Residenzen in die neue Hauptstadt. Den Fernsehturm finde ich immer noch nicht interessant, aber eine Fahrt über die Spree ist ein antipodisches Echo von Venedig und eigentlich sogar bei wirklich miesem Wetter schön, sagt jedenfalls die St. Petersburgerin in mir, die Eisregen an Wellen gewöhnt und auch bereit ist, die von ihm gepeitschte Landschaft schön zu finden.

Berlin ist von der wilden, provokanten und unberechenbaren Fremden zu einem kleinen Fixpunkt meines Universums ­geworden: Meine Agentur befindet sich dort, ebenso viele Kolleginnen und Freundinnen. In Deutschlands Hauptstadt gibt es seit Kurzem auch das exquisite kleine Verlagshaus Voland & Quist, das schon im Namen Figuren ­meiner lebensbegleitenden Romane trägt: den Magier der dunklen Künste aka Mephisto in „Der Meister und Margarita“ und Onno Quist aus „Die Entdeckung des Himmels“. 

Betrieben wird Voland & Quist (auf die Übersetzung von deutscher Gegenwartsliteratur ins Englische spezialisiert) von der adamantenen ehrlichen und leidenschaftlichen Literaturübersetzerin Katy Derbyshire. Sie wurde von mir übrigens vor Jahren in ein alpines Ressort verschleppt, wo sie sich von der deutsch-­österreichischen Unart, im Bademantel am reichhaltigen Buffet zu erscheinen, bis ins Mark erschüttern ließ. Das hat unsere Beziehung glücklicherweise nicht zu stark ramponiert. 

Stadt der Literatur

Literatur, Skandal und Grenzüberschreitung haben in Berlin immerhin lange Tradition. Alle Schreibenden wollen hier hin und das Literaturangebot ist – ebenso wie die Theaterproduktionen – so vielfältig wie prägend. Einer der interessantesten Bücherläden (und Bücherläden sind natürlich nicht nur Bücherläden, sie sind Tempel der Lesenden und Beratende, Entdeckende und Vermittelnde) ist das Ocelot, das einen besonderen Augenmerk auf die Literatur von Frauen legt. 

Mut zum Hässlichen

Die Entdeckung des Himmels über Berlin ist übrigens nicht nur für Engel vorgesehen, sondern für alle, die sich in dieses Flughafen gewordene Sisiphusprinzip namens BER begeben wollen, um zu sehen, was man nach so langer Bauzeit denn nun tatsächlich zusammengebracht hat. Man kann aber auch die Erinnerung an Berlin-Tegel hochhalten, der in seiner „Kastigkeit“ die Essenz des Mutes zum Hässlichen trug. Aber wo Berlin-Tegel noch ausbaufähig wäre, ist die Berliner Designszene relativ unschlagbar in Drama und Konsequenz. Wo ich noch als kleines Punk-Mädchen wie ­Alice im Wunderland staunend von Laden zu Laden lustwandelte, erschlagen von der Diversität der spitzen Goth-Schuhe, finde ich als ­erwachsene, abgeklärte Frau zu ähnlicher fassungsloser Hysterie zurück, wenn ich in Berlin bin und dort jedes Mal verlässlich feststelle, dass es sich mit dem Einkaufsgeld ähnlich verhält wie mit Tante Joleschs Krautfleckerl: Es ist ­immer zu wenig da. Berlin ist hart, aber geil. Leider. 

Heimat von Mode & Design

Esther Perbandt ist eine vielseitige Künstlerin, die sich auch als Modedesignerin versteht und eine dunkle, kühle, selbstbewusste Linie fährt: irgendwo zwischen japanischen Klassikern wie Yamamoto und den Antwerpener Avantgardisten, zwischen Goth und Punk und Rock und Zeitlosigkeit. Hier verliere ich mich regelmäßig. In jeder Hinsicht. Die Kollektionen sind strikt schwarz und weiß gehalten: fließende Kleider und Hemden, von Uniformen inspirierte Jacken und Mäntel. Goldschmuck, der Zähne auf Ringen trägt, breite Ledergürtel und als Koproduktion mit dem Label Trippen auch Schuhe, die an Geishas und SM-Stil erinnern. 

Trippen wiederum betreibt sein Hauptquartier im Hackeschen Markt. Hier kann man aus fast hundred shades of Lederfarbe wählen und Spezialanfertigungen mit Maß und Ziel erwerben. Trippen schafft den Spagat zwischen gesundem Fußbett und avantgardistischem Design: Die Palette reicht von Plateaukunstwerken über Loafers und dezente Sandalen mit kleinem Absatz bis hin zu eleganten flachen Ballerinas. Die Produktion ist betont nachhaltig, Sohlen lassen sich auch ersetzen. 

Schlaraffenland für Geniesser

Vielleicht deutet sich hier schon das Problem mit dem Restaurantwesen in Berlin und meiner Anwesenheit ebendort an: Ich habe immer so gespart, um mir eines der genannten Schätze ­aneignen zu können, dass weitläufige Restaurantbesuche nicht mehr im üblichen Reisesortiment enthalten waren. 

Zwei vermutlich eher untypische Berliner Adressen kann ich aber dennoch empfehlen: einerseits das Chai Viet, ein vegetarisches vietnamesisches Restaurant in der Brunnenstraße, das Ananas-Salate anbietet, die mich tatsächlich zur Salatfreundin machten, wenigstens vorübergehend. Und wo man sämtliche Klientel der umliegenden Yogastudios (und ihr Name ist Legion) bei durchaus erleuchteten Gesprächen belauschen kann, wenn man die Nerven dazu hat. 

Wie die kleine Raupe Nimmersatt

Und falls eine echte Wienerin die Sehnsucht nach Naschwerk plagt, kann sie auf eine geradezu überwältigende Art und Weise hier befriedigt werden: In der Kantstraße hat sich mit dem ­„Kuchenladen“ ein Mensch niedergelassen, der das Tortige liebt. Vermutlich mit jeder Faser seines Herzens. Hier reihen sich die abenteuerlichsten Tortenvarianten aneinander. Die beste Tiroler Apfeltorte stammt aus Berlin. Aber es gibt auch Cupcakes, die „Sex and the City“ erbleichen lassen würden, Klassiker wie saftige Tartes au citron, Experimentelles wie das Goldmariechen mit Schokolade & Sauerkirschen in Gold ein­gestrichen. Ich gestehe, ich habe mich hier vermutlich durch das Sortiment gefressen wie die kleine Raupe Nimmersatt. Glück­licherweise hatten die Kleider von Esther Perbandt noch ein ­wenig Platz.

GUTE TIPPS Berlin

Der Kuchenladen

Vom Blechkuchen über Cupcakes bis zu Tartes: Der Kuchenladen in Charlottenburg bietet täglich rund 30 frische Kuchen- und Tortenkreationen nach eigenen Rezepten. Kantstraße 138

Chay Viet

Einfaches vietnamesisches Restaurant mit exzellenten vegetarischen Speisen. Familienbetrieb, in dem Tante und Nichte im Service und in der Küche wirken. Brunnenstraße 164

ocelot

Motto: Not just another bookstore. Die gemütliche Buchhandlung ocelot samt Café in Berlin-Mitte ist nicht nur für Literatur- und Lyrikfans eine Wohlfühloase. Brunnenstraße 181 

esther perbandt

Elegant, avantgardistisch, zeitlos. Esther Perbandt war auch vor der Amazon-Serie „Making the Cut“ eine angesehene Designerin, jetzt ist sie international bekannt. Sie hat eine neue Webseite und einen neuen Webshop. Almstadtstraße 3

Street-Art-Museum 

Das Museum for Urban Contemporary Art zeigt die Geschichte von Graffiti und Street-Art. Es ist selbst ein Kunstwerk: Einige Wände wurden von Künstlern wie David de la Mano, Ben Eine, Cyrcle oder D*Face bemalt. 

Bülowstraße 7

Faszinierende Museen

Star der Museumsinsel ist das Pergamonmuseum. Es beherbergt die Rekonstruktionen von Pergamonaltar, Ischtar-Tor und Mschatta-Fassade. Daneben im Neuen Museum ist die Büste der Nofretete zu sehen. Gleich in der Nähe befindet sich im DomAquarée das DDR Museum: Es beleuchtet den Alltag eines vergangenen Staates.