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Kochelsee am Rand der Bayerischen Alpen. © iStockphoto

Bayern in Blau

Wer den Expressionismus verstehen will, reist am besten nach München und ins Oberbayerische Seenland. Dort spürt man noch die faszinierende Kraft der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“.

Vielleicht liegt es an der südlich angehauchten Atmosphäre, dem besonderen Licht – mit den Alpen im Hintergrund – oder einfach nur an den Menschen der Stadt, die Maler und Dichter um 1900 an die Isar zogen. Paris mochte einen besonderen Zauber haben, Berlin und Wien weltmännisch sein. Doch die bayerische Hauptstadt München war schon damals liberal, gesellig und weltoffen. Perfekt für das Künstlerkollektiv „Der Blaue Reiter“, das Freigeister wie Wassily Kandinsky, Alexej von Jawlensky, Marianne von Werefkin, Gabriele Münter, August Macke, Franz Marc und Paul Klee umfasste.

Sie alle experimentierten mit Farben und versuchten, das persönliche Gefühl auszudrücken, in einer Epoche, als Mainstream-Maler noch das Heroische im Bild festzuhalten versuchten. Die Expressionisten lösten eine Revolution aus, die heftig in den Salons und Zirkeln der Gesellschaft diskutiert wurde. Das Epizentrum der Szene war Münchens Stadtteil Schwabing, wo meine Spurensuche nach dem „Blauen Reiter“ beginnt. 

Schwabings Künstler-Boheme

Tour-Guide Ina Müller erzählt beim Rundgang, wie es überhaupt zum Namen der Künstlergruppe kam: „1911 plante Wassily Kandinsky, einen Almanach über das Kunst- und Geistesgeschehen herauszugeben. Seine Cover-Entwürfe zeigten immer wieder einen blauen Reiter. So wurde er zum Symbol für die wohl berühmteste Bewegung des deutschen Expressionismus.“ Dessen Geschichte kann man heute noch an vielen Ecken und Enden ent­decken, zum Beispiel an Jugendstil-Adressen, wo die Maler einst wohnten, wo konspirative Treffen stattfanden oder mittlerweile weltberühmte Werke entstanden. Oder auch dort, wo die Künstler bei Bier und deftigen bayerischen Köstlichkeiten hitzig diskutierten. 

In-Kneipen und SzeneCafés

So galt das mitten in Schwabing gelegene böhmische Restaurant „Alter Simpl“ seit 1903 bei den Mitgliedern des „Blauen Reiter“ als das kulinarische Insiderlokal. „Bei Hefeweizen und Krustenbraten wurde in rauchgeschwängerter Atmosphäre gefachsimpelt, gestritten und  Frieden geschlossen. Heute ist die natürlich rauchfreie Kneipe mit äußerst schmackhaften Speisen zu leistbaren Preisen ein beliebter Treffpunkt bei Studenten und Intellektuellen“, weiß Ina Müller. 

Oder das „Cafe Luitpold“ in der Brienner Straße. Hier soll Kandinsky einst die Idee zum „Der Blaue Reiter“ gehabt haben. Heute ist das „Luitpold“ eine sündhaft gute Adresse, um gediegen zu speisen, bei hausgemachten Pralinen und Konfiserie sämtlichen Diätplänen Adieu zu sagen und bei den hauseigenen Veranstaltungen mit Experten zu Themen von Kunst bis aktueller Europapolitik zu diskutieren. 

„Der Erste Weltkrieg setzte der Bewegung ,Der Blaue Reiter‘ ein jähes Ende. Kandinsky, Jawlensky und Werefkin mussten als russische Staatsbürger zunächst ins Schweizer Exil, Marc und Macke wurden eingezogen und fielen auf den Schlachtfeldern Frankreichs“, berichtet die Expertin. 

Imposante Schätze im Museum

Lediglich Gabriele Münter lebte bis zu ihrem Tod 1962 in Bayern. 1957 schenkte sie ihren Bilderschatz aus der gemein­samen Zeit mit den Malern des „Blauen Reiter“ der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, die seither die imposanteste Sammlung des deutschen Expressionismus darstellt. Darunter befinden sich das „Blaue Pferd“ von Franz Marc, August Mackes „Hutladen“, Kandinskys „Impressionen“ oder Jawlenskys „Bildnis des Tänzers“. 

Landschaft als Inspiration

Es war aber nicht nur die freigeistige Stadt, sondern auch das bayerische Land, das die Künstler inspirierte. Idyllische Dörfer, Kirchen mit Zwiebeltürmchen,  blumengeschmückte Häuser, malerische Seen mit kleinen Buchten und dahinter die majestätische Kulisse der Bayerischen Alpen: Oberbayern ist nicht erst seit den populären Sissi-Filmen weltbekannt. Schon vor dem Ersten Weltkrieg verliebte sich die Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ in die atemberaubend schöne Landschaft zwischen Starnberger See, Kochelsee, Staffelsee und den Osterseen. Die Expressionisten kamen aus München hierher, um die Natur in kraftvollen Farben und Formen zu erfassen.

Mit dem Rad auf den spuren der Künstler

Ihren Ausflügen aufs Land folge ich zuerst nach Bernried am Starnberger See, das ein schon fast kitschig schöner Ferienort ist. Das Buchheim Museum liegt dort in einem architektonisch spannenden Gebäude direkt am Ufer. Es ist das Vermächtnis ­Lothar Günther Buchheims, eines ambitionierten Kunstsammlers, Zeitzeugen und Romanautors für den Filmklassiker „Das Boot“. Im Laufe seines Lebens trug er eine einzigartige ­Mischung unterschiedlichster Genres zusammen. Darunter eine der besten Sammlungen expressionistischer Maler in Deutschland. 

In Bernried beginne ich die insgesamt 92 Kilometer lange Radtour „Auf den Spuren des Blauen Reiter“, die Kunst und wunderschöne Landschaftseindrücke verbindet. Vorbei am Ufer des Starnberger Sees und den naturgeschützten Osterseen liegen mit dem Museum Penzberg, dem Franz Marc Museum in Kochel am See und dem Murnau Schlossmuseum gleich drei Sammlungen der „Blauen Reiter“ am Weg. Dazwischen verführen schöne Badestellen, gemütliche Wirtshäuser und komfortable Hotels immer wieder zu Müßiggang. Aber dieser Versuchung erlagen damals auch schon die ambitioniertesten Maler.

GUTE TIPPS: München

Kulturherbst 

Direkt nach dem Oktoberfest startet ab 8. 10. der Kulturherbst in München. Das Lenbachhaus präsentiert zum Beispiel in der Ausstellung „Lebensmenschen“ das Werk von Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin. 22. 10. 2019–16. 2. 2020

Schwabinger Wahrheit

Das Schwabinger Wahrheit ist die beste In-Adresse im In-Viertel: moderne, minimalistische, aber hochfunktionelle Zimmer und Suiten, vom Stil her urban und sehr gemütlich. Dazu ein Mini-Spa und eine Vital-Terrasse.

Marina Bernried

Herrlich direkt am Starnberger See ist die Marina Bernried gelegen, ideal für Familien auf Kunsturlaub.

Drei Rosen Bernried 

Das Drei Rosen in Bernried ist die gemütliche Variante eines typisch oberbayerischen Gasthofs. 

Tourguides

Ina Müller ist Spezialistin für den „Blauen Reiter“. Kontakt: ina.tours@gmx.de. Weitere Guides: tourismus.guides@muenchen.de