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Wer nach Mariazell wandert wird mit malerischen Ausblicken belohnt. © Getty Images

Zu Fuss von Wien nach Mariazell

Pilgern boomt. Immer mehr Menschen machen sich auf den Weg. Auch GUTE REISE brach auf, um in vier Tagen 120 Kilometer nach Mariazell zu wandern. 

Man sollte nicht zu Fuß ins steirische Mariazell gehen, wenn der eine halb krank ist und der andere in der Nacht zuvor nur drei Stunden geschlafen hat. Das geht mir durch den Kopf, als P. (übernächtig) und ich (halb krank) den Weg zum Peilstein hinauf keuchen. Der ist zwar mit seinen 716 Metern wahrlich nur ein Hügel im südlichen Wienerwald, aber in unserem Zustand dennoch eine ziem­liche Herausforderung.

Zum Stift Heiligenkreuz

Frühmorgens waren wir am Rande der Großstadt aufgebrochen, kurzärmlig, das Gesicht voller Sonnencreme und Zuversicht. Vor uns lagen 120 Kilometer in vier Tagen, auf uns lastete der Rucksack. Kilometer für Kilometer folgten wir der gelben Markierung des Wiener Mariazellerwegs, über weite Wiesen und durch finstere Föhrenwälder, vorbei an Kühen und Kapellen. Im Schatten der dicken Mauern des Stifts Heiligenkreuz stärkten wir uns mit Suppe und Brot; in Mayerling zogen wir am ehemaligen Jagdschloss des unglücklichen Kronprinzen Rudolf vorbei. Und nun schnaufen wir also den Peilstein hinauf – und haben nur einen einzigen Wunsch: in der Schutzhütte auf dem Gipfel ein großes kaltes Getränk zu bestellen.

Doch oben angekommen, lesen wir die enttäuschendsten Worte unserer Wanderung: „Heute Ruhetag“. Irgendwann nach insgesamt fast 40 Kilometern erreichen wir durstig, hungrig und müde Furth an der Triesting, unser erstes Etappenziel. Hier haben wir in einem Gasthof zwei Zimmer reserviert. Natürlich kann man entlang der Route in Heustadeln und Matratzenlagern schlafen. Man kann sich auch von Dosenfleisch und Dicksaft ernähren. Man kann, aber ich will nicht. Und so klingt der Abend gemütlich bei Schnitzel, Schnaps und Schnapsen aus.

Mit leichtem Gepäck

Der nächste Morgen trägt eine frische Brise ins Zimmer und vertreibt den ­Geruch von Hirschtalg. Das ist seltsam, denke ich mir: Ich marschiere zu einer Zeit los, zu der ich daheim erst ans Aufstehen denke. Freiwillig. Und gut gelaunt. Auch die Verkühlung ist verflogen. Nun wartet die anspruchsvollste Etappe auf uns, neun Stunden Gehzeit und ein schweißtreibender Aufstieg durch dichten Wald aufs Kieneck. Die Landschaft ­wechselt nun vom hügeligen Wienerwald zu den schrofferen Voralpen. Bis zum ­Ötscher reicht der Blick vom Gipfel des 1.342 Meter hohen Unterbergs. Von dort geht es hinunter in den wildromantischen Miragraben. Der Wirt hatte angeboten, unsere Rucksäcke mit dem Auto zur nächsten Unterkunft zu fahren. Wir hatten abgelehnt, wir wollten unsere Last selbst schultern. Auch das muss man erst lernen: mit „leichtem Gepäck“ unterwegs zu sein, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. „Lass alles zu Hause, was du eventuell brauchen könntest“ steht im Wanderführer. Und so sitze ich drei Abende lang mit demselben Pullover beim Essen.

Gehen ist Medizin

„Da sind ja die beiden Wallfahrer“, sagt die Wirtin bei unserer Ankunft in Rohr am Gebirge. Ich würde ihr gerne sagen, dass Wallfahrer die Strapazen einer Reise auf sich nehmen, um sich am Ziel Hilfe und Heilung zu erbitten. Wallfahrern ist demnach der Zielort wichtiger als der Weg. Beim Pilgern ist das Gegenteil der Fall. Wir sind also bestenfalls Pilger, eher Wanderer, will ich der Wirtin sagen; aber ich nicke nur und lächle. Und erinnere mich noch ein Mal daran, warum ich mich auf den Weg machte. Nein, ich hatte keine Mid­life-Cri­sis. Ich hatte auch keine religiösen Motive. Ich wollte aufbrechen und ausbrechen. Raus aus der Stadt, aus dem Alltag, dem Lärm, rein in die Natur. Ich wollte wandern. Ein Ziel vor Augen haben. Ein Ziel erreichen. Ich wollte ­gehen, bis ich körperliche Schmerzen und eine geistige Leere spüren würde. Und ich wollte dafür nicht in ein Auto oder Flugzeug steigen müssen. 

Mariazell war mir als geeignetes, weil gut erreichbares Ziel erschienen. Gehen ist des Menschen beste Medizin, das wusste einst schon Hippokrates. Auch bei den Jungen dürfte sich das herumgesprochen haben. Mehr als ein Drittel aller Pilger ist noch keine 30 Jahre alt. Nicht alle sind aus religiösen Gründen unterwegs, viele verbinden die Lust am Abenteuer mit der Bewegung in der Natur. Millionen Menschen machen sich jedes Jahr auf den Weg – nach Mariazell und Lourdes, nach Rom und Jerusalem, nach Fatima oder Medjugorje. 347.500 Menschen folgten 2019 allein dem Jakobsweg ins spanische Santiago de Compostela. Beschauliches Unterwegssein schaut anders aus.

Leid der beleidigten Füße

Die Tage vergehen. Wir kommen gut voran, obwohl P. wegen einer Blase am Fuß humpelt. Wenigstens regnet es nicht. Wir stehen früh auf und legen uns zeitig schlafen, dazwischen gehen wir praktisch die ganze Zeit. Wir essen, wenn wir hungrig sind, und rasten, wenn wir müde sind. Das ist interessant, denke ich: Je mehr wir uns anstrengen, schwitzen und körperlich verausgaben, desto mehr Lebenskraft und Gelassenheit spüre ich in mir. 

Es stimmt also: Wandern formt den Leib und die Seele. Gerne würden wir uns mit anderen austauschen, die ebenfalls auf dem Weg sind – über Muskelkater und Mittelchen gegen Blasen, über Wanderkarten und Wettervorhersagen, über richtig gepackte Rucksäcke und falsch geschnürte Schuhe. Bloß: Da ist niemand. Seit zwei Tagen sind wir keinem Wanderer begegnet. Außer Ruh’ nur Kuh. Auch wir reden von Tag zu Tag weniger. Und immer öfter verstummen die Gespräche ganz. Gemeinsam gehen, gemeinsam schweigen. Auch das muss man lernen. 

Kampf mit dem Ego 

Nachts um zwei Uhr schrecke ich aus dem Schlaf auf. Im Traum war der Rucksack so klein, dass mein Gepäck nicht mehr hineinpasste. Am nächsten Morgen merke ich: Nicht der Rucksack ist das Problem, sondern mein Körper. Die Oberschenkel schmerzen, die Fußsohlen brennen. Wäre ich alleine unterwegs, würde ich im Bett bleiben und mir einen Tag Pause gönnen. Aber so kämpfe ich mich auf. Draußen wabert noch Nebel durch die Gassen von St. Aegyd am Neuwalde. Am Kernhofer Gscheid, einem Pass mit einer kleinen Kirche, lacht dann die Sonne von einem blitzblau geputzten Himmel. Es ist unser letzter Tag, da haben wir uns schönes Wetter verdient, finden wir. Was wir nicht finden ist das einzige an diesem Tag geöffnete Gasthaus. Irgendwo in den Tiefen unserer Rucksäcke kramen wir aber noch eine Banane, eine Packung Schnitten und eine alte Käsesemmel hervor, die wir uns auf einem Bankerl am Ufer des Hubertussees schmecken lassen. Wir ritzen „N + P“ in die Bank und ziehen weiter.

Endlich am Ziel

Und dann sind wir da. Nach vier Tagen sind wir endlich am Ziel. Beim Ortsschild von Mariazell klatschen P. und ich stolz ab. „Nur wo du zu Fuß warst, bist du auch wirklich gewesen“, sagte einst Goethe. Zur Basilika, die jährlich von einer Million Menschen besucht wird, gehen wir nicht. Stattdessen nehmen wir den Bus, der uns in drei Stunden zurück in die Stadt bringt. „Schön war’s“, sagen wir, als wir aussteigen, „und wohin geht’s das nächste Mal?“

Der Autor

Niki Nussbaumer ist Journalist (Kurier, Servus Magazin) und Lehrbeauftragter an mehreren heimischen Fachhochschulen und Unis (Krems, Salzburg, St. Pölten, Wien). Er reist für sein Leben gern und liebt die Berge genauso wie das Meer.

GUTE TIPPS: Auf nach Mariazell

Route: Eine Variante führt am zweiten Tag an den zauberhaften Myrafällen im niederösterreichischen Muggendorf vorbei. Schon Kaiserin Maria Theresia stattete der Klamm, die heute als Naturdenkmal geschützt ist, einen Besuch ab. Bei diesem Weg erspart man sich auch die Höhenmeter hinauf aufs Kieneck.  

Einkehr: Bei einer Nächtigung in St. Aegyd lohnt sich eine Einkehr in den mehrfach prämierten Landgasthof Zum Blumentritt. Serviert werden Spezialitäten von Gänseleber-Blunz’n über marinierten Kalbskopf bis hin zu Topfenknödel auf Hollerkoch. Im Weinkeller lagern rund 400 erstklassige Weine.

GUTE TIPPS: Weitwandern

Schuhe: Beim Kauf ist wichtig, jene Socken mitzunehmen, mit denen man später unterwegs sein wird. Schuhe nach-mittags probieren, wenn die Füße angeschwollen sind; auf kürzeren Touren eingehen.

Rucksack: Das Fassungsvermögen sollte bei 60 Litern liegen. Wichtig: viele Außentaschen, eine gute Rücken-belüftung und ein breiter Hüftgurt. Der gepackte Rucksack sollte nicht mehr als 20 Kilo wiegen.

Gehen: Beim Bergaufgehen wird der Schuh locker geschnürt, bergab fest. 

Essen: Wer viel geht, sollte seine Mahlzeiten auf fünf bis sieben kleinere Einheiten pro Tag aufteilen. Jausentipps: Müsliriegel, Trockenobst, Brot mit magerem Käse und Gemüse. Deftige Speisen sind tabu.

Trinken: Fünf Prozent Flüssig-keits-verlust bedeuten 20 Prozent Leistungsverlust. Es empfiehlt sich daher, auf Vorrat zu trinken – jede Stunde ein Glas, z. B. Wasser, gespritzter Obstsaft oder Molkegetränk. 

Atmen: Wer mit Kaugummi oder Kern im Mund wandert, zwingt sich, durch die Nase zu atmen. Schleimhäute trocknen nicht so rasch aus.