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Die Region ist ein Erlebnis für Wanderer. © Bohmann/Radim Vrska, Theresa Pewal

Wildnisgebiet Dürrenstein: Unser Urwald

Im Herzen der niederösterreichischen Eisenwurzen erstreckt sich der letzte große Urwald der heimischen Alpen. Im Wald ist die Natur noch die Alleinherrscherin. Ein Erlebnis für Wanderer und Naturverliebte. 

Mir gegenüber steht ein ­toter Baum, der grüne Blätter treibt. Er ist völlig hohl, nichts ist von seinem Stamm übrig außer der äußersten Rindenschicht. Aber ein paar Meter über dem Boden ragen dicke Äste aus ihm hervor, an deren Zweigen unbeirrt frisches grünes Laub das Sonnenlicht einfängt. Das Rätsel ist schnell gelöst und bleibt doch unglaublich: Die uralte Buche hat einen Ast hinüber zum Nachbarbaum gestreckt, fast wie ein Stecker mit einer Steckdose ist dieser mit dem nächsten Stamm verbunden. ­Dadurch lebt die Veteranin weiter, gestützt und ernährt. Um mich herum ­blicken zwanzig Gesichter andächtig auf diese Holz ­gewordene Romanze. Es ­beginnt mir zu dämmern, dass ich hier an einem Ort ­gelandet bin, der womöglich etwas in mir verändern wird.

Waldbaden par excellence

Wir sind unter der Führung der Ökologin Katharina durchs wilde Büllenbachtal unterwegs, auf einer nur bei Exkur­sionen zugänglichen Route durch das Wildnisgebiet Dürrenstein. Katharina kann uns erklären, wie der tote Baum weiterleben kann. Wissenschaftlich ist das leicht verständlich. Doch es bleibt ein Gefühl von etwas Magischem, das sich nicht in Hypothesen fassen lässt. Ein ­Gefühl, das mich während der vierstündigen Wanderung nicht mehr loslässt. 

Wo in den Forsten, die man sonst kennt, der Boden braun und voller trockener Nadeln ist, wächst hier eine Armada von Waldblumen, Gräsern, Baumkeimlingen und lebenden Fossilien wie dem selt­samen Bärlapp. Alle paar Meter steigen wir über vermoderte Baumstämme, auf denen riesige Zunderschwämme sich ­gegenseitig überwachsen, winzige junge Bäumchen in moosigen Löchern Wurzeln schlagen und die Spuren von hämmernden Spechtschnäbeln labyrinthische Ameisengänge freilegen. Alles ist feucht und duftig, der Wind riecht nach Freiheit. Die Terpene, die für den aromatischen Geruch der Pflanzen verantwortlich sind, bescheren dem waldbadenden Menschen eine wunderbare Flut an Wohlfühlmomenten. Man könnte süchtig werden. Und obwohl jeder Wald diesen Effekt in petto hat, ist dieser hier doch ­etwas ganz Besonderes.

Wildnis regeneriert

Katharina erzählt uns vom lebendigen Netz dieses Walds, vom fast ausgestorbenen Habichtskauz, der in seinen Tiefen nun wieder brütet, und vom Wert der Heidelbeere: „Nur weil der Mensch sie nicht isst, ist die Heidelbeere nicht wertlos. Die Natur hat einen Wert, ganz ­unabhängig davon, ob wir sie nutzen oder nicht. Deshalb versuchen wir hier im Wildnisgebiet etwas ganz Extremes: Wir tun gar nichts.“ Hier ist die Natur Protagonist, nicht der Mensch. Ein Konzept, das sich bei näherer Betrachtung als ziemlich ausgefallen herausstellt. 

Selbst in Nationalparks ist die Funktion der Landschaft für den Menschen ein Hauptanliegen. Hier aber ist selbst der Wanderweg, auf dem wir unterwegs sind, nicht für uns gemacht worden. Er ist nicht mehr als ein Wildwechsel, ein schmaler Pfad durchs Dickicht, rutschig, felsig und eindeutig nicht für menschlichen Komfort angelegt: Trittsicherheit und gutes Schuhwerk sind auf den Exkursionen ins Wildnisgebiet obligatorisch. Dass wir im Wald nichts hinterlassen außer unsere Fußspuren, ist selbstverständlich. Dass wir auch nichts mitnehmen, schon weniger. Aber: Nur weil aus dem Rothwald, dem Herzstück des Wildnisgebiets, noch nie Holz entnommen wurde, ist er heute so besonders. Er hat dank seiner unzugänglichen Lage auf einer Fläche von etwa vier Quadratkilometern seit 12.000 Jahren weder Axt noch Säge ­gesehen. Damit ist er der größte verbliebene Urwald im gesamten Alpenbogen. Kaum vorstellbar: ein Wald, der sich seit dem Ende der letzten Eiszeit, seit seiner Entstehung also, völlig nach seinen eigenen Gesetzen entwickelt hat und das bis heute tut. 

Sehnsucht nach Wildnis

Er wird auch jetzt kaum von Menschen betreten, Führungen in diese Kernzone des Wildnisgebiets sind rar und jedes Jahr innerhalb kürzester Zeit ausgebucht. Das Büllenbachtal hingegen liegt in der sogenannten Bewahrungszone, die zum Teil frei, zum Teil nur im Rahmen von Exkursionen zugänglich ist. Hier gibt es keinen Urwald, wohl aber Wildnis. 

Wo liegt der Unterschied? „Urwald ist nicht wiederherzustellen, wenn er einmal gestört wurde. Wildnis entwickelt sich ­immer wieder“, erklärt Katharina. Seit 2003 wurden ­suk-
zessive über 3.000 Hek­tar rund um den Urwald unter Schutz und außer Nutzung gestellt. Erst heuer kam das steirische Lassingtal dazu, sodass die geschützte Fläche auf rund 7.000 Hektar verdoppelt werden konnte. Die Natur darf in Zukunft auch dort schalten und walten, wie sie will. Das ist sichtbar: Kreuz und quer liegt das Totholz im Wald und im Büllenbach, dem wir eine Weile stromabwärts folgen. Wie Wald und ­Gebirgsbäche ihrer Natur entsprechend ungezähmt aussehen, kann man hier vielleicht zum ersten Mal im Leben sehen. Der Anblick ist uns fremd geworden. Und doch: Wir haben jahrtausendelang in ­genau dieser Natur gelebt. Irgendwo in uns ist es noch, das uns hier nicht ganz fremd fühlen lässt. Und wir tragen alle die Sehnsucht nach Wildnis in uns. Wir wollen Teil des natürlichen Netzwerks sein, nicht nur eines virtuellen. 

WoW mit Augmented Reality 

Dass ein natürliches und ein virtuelles Netzwerk gemeinsam für einen echten Wow-Effekt ­sorgen können, beweist das Besucherzentrum des Wildnisgebiets, das Haus der Wildnis. Es ist eine Schau der besonderen Art geworden. Augmented Reality trifft auf modernes Totholz, ­Fische aus dem Lunzer See schwimmen gegenüber einer 180-Grad-Leinwand, die die Zuseher mitten in den Urwald im Wandel der Jahreszeiten entführt. Mit Virtual-Reality-Brille auf der Nase sitzt man unter einem Blätterdach im Wald, durch das warme Sonnen- (bzw. Infrarot-)Strahlen fallen, und segelt im nächsten Moment wie ein Habichtskauz im Gleitflug durch eine Lawinenschneise. Wie Bäume untereinander kommunizieren, wie sich Flora und Fauna im Wildnisgebiet verändern, wie der Grund des Lunzer Sees aussieht und noch vieles mehr erfährt man hier.

Das Museum ist aufwendig konzipiert, ­didaktisch kreativ und dabei voll unübersehbarer poetischer Leidenschaft für die Wildnis. Es wird dem Wald, zu dem es den Menschen einen Zugang bieten will, gerecht. So gerecht, wie etwas Menschengemachtes einem 12.000 Jahre alten Wald eben werden kann. Und wahrscheinlich ist es genau das, was mich in dieser Wildnis so erfrischend sprachlos macht: Hier dreht sich die Welt endlich einmal nicht um uns Menschen.

Die Natur im Fokus

Haus der Wildnis: Idealer Ausgangspunkt mit allen Infos, Wanderkarten und Leihtablets für eine Erkundung auf eigene Faust sowie einer tollen Dauerausstellung. Der individuelle Besuch auf frei zugänglichen Wanderwegen ist gratis. Das Angebot reicht von botanischen, zoologischen und geologischen Exkursionen über geführte Bergwanderungen bis hin zu Moor--Besuchen. Von Anfang Mai bis Mitte Oktober. Rechtzeitig buchen! Infos: www.wildnisgebiet.at/haus-der-wildnis Eulenweg mit App  

Wer den Komfort der virtuellen Welt mit in die Natur nehmen will, kann sich im Haus der Wildnis ein Tablet ausleihen und den Eulenweg auf eigene Faust erkunden. Vom „Tor zur Wildnis“ geht es auf einem leichten Wanderweg entlang des Bachs bis an die Grenze des Wildnisgebiets und zu einem kleinen Wasserfall. Die Wildnisgebiet-App am Tablet liefert an bestimmten Punkten Infos und kurze Videos sowie diverse Spiele und Erlebnis-stationen zum Thema. 

GUTE TIPPS

JoSchi im Haus der Wildnis: Direkt aus dem Lunzer Wald und dem See gibt es Wildfleisch-Lasagne oder Salat mit Saiblingsfilet. Außer-dem Süßigkeiten der -Scheibbser Konditorei Reschinsky. Kinderspielplatz nebenan! www.schlosstavernelunz.at

Chez Pierre: Elsässer Flammkuchen, fran-zö-sischer Wein und belgisches Bier: Bei „Chez Pierre“ gibt es frankophile Küche. Idyllisches Bergpanorama hoch über dem Lunzer See. Tipp: Pizza mit Ziegenkäse und Honig. www.chezpierre.at

Genuss Platz’l: Kleiner Bioladen mit Café neben der Kirche: regionale Handwerkskunst und kulinarische Spezialitäten. www.genussplatzl.at

Haus am See: Mit Blick auf den Lunzer See. Doppelzimmer, ein Studio und ein Apartment. Möbel aus der hauseigenen Tischlerei. www.haus-am-see-lunz.at 

Ledererhof: Erstmals 1367 erwähnt, komplett renoviert. Zwei Apartments für zwei bis vier Personen mit Frühstück. Der Garten liegt direkt am Seebach. www.ledererhof-lunz.at

Schlosstaverne: Gästezimmer und eine Ferienwohnung in Lunz am See. Im Restaurant und auf der schat-tigen Terrasse serviert man köstliche regionale, österreichische Küche. www.schlosstavernelunz.at

BioBauernhof Moas: Ruhige Lage oberhalb vom See. Gemütliche Zimmer mit Balkon. www.moaserhof.at