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Der Canale Grande im Jahr 1931. © Antonio und Jana Revedin

Eine venezianische Zeitreise: Jana Revedin im Interview

Jana Revedins Bestseller „Margherita“ ist eine Reise in das Venedig der 1920er-Jahre. Dabei erzählt sie die spannende Geschichte der eigenen Familie. GUTE REISE sprach mit der Autorin über das Buch und ließ sich auch Geheimtipps für Venedig-Besucher verraten.

Die 1920er-Jahre waren keine einfache Zeit für Venedig. Verarmt und ohne Perspektive war die Stadt auf der Suche nach einer Identität. Da wird Margherita durch die Heirat mit dem adeligen Antonio Revedin unverhofft von der Zeitungsausträgerin zur Grande Dame Venedigs. Mit Erfolg. Sie machte den Lido groß, erfand das Filmfestival und half, Venedig zu dem zu machen, was es heute ist.

Jana Revedin erzählt in dem Buch die Geschichte der Ahnin ihres Ehemanns und entführt in eine faszinierende Zeit. Da kommt auch gleich Fernweh auf. GUTE REISE sprach darum nicht nur über das Buch, das Platz eins der österreichischen Charts eroberte, sondern fragte auch nach einigen Tipps für den nächsten Venedig-Urlaub.

GUTE REISE: Könnten Sie uns ganz kurz den Hintergrund des Buchs erklären?

Jana Revedin: Österreich hat zu Venezien und der alten Adelsfamilie Revedin einen historischen, aber auch einen zeitgenössischen Bezug. Luigi Revedin, italienischer Senator und Urgroßvater meines Manns, wurde nach dem Fall der venezianischen Republik von den Habsburgern als Prokurator Veneziens eingesetzt und konnte hier über die Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche visionäre städtebauliche, sanitäre und soziale Projekte umsetzen. Nach dem Ersten Weltkrieg, der unsere gesamten europäischen Gesellschaftsstrukturen umstürzte, erfand sein Enkel Antonio Revedin den neuen venezianischen „Kultur- und Naturtourismus“. Er schaffte das mit einem Mädchen aus dem Volk, der jungen, lebensklugen Margherita, die in kürzester Zeit zur First Lady avancierte. Sie machte den Lido zum sportlichen und kulturellen Mittelpunkt der Stadt, brachte das Golfspiel nach Italien, erfand das Filmfestival und begeisterte Greta Garbo, Coco Chanel, Clark Gable und Pablo Picasso für Venedig. Peggy Guggenheim wurde ihre beste Freundin.

Was hat Sie an der Geschichte und der Person Margherita so fasziniert?

Die Resonanz zu meinem Debütroman „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“ (DuMont 2018), der den atemberaubenden Einsatz von Walter Gropius’ zweiter Ehefrau Ise für das Bauhaus beschreibt, war so beeindruckend, dass ich mich erneut einem vergessenen Schicksal widmen wollte. Es gibt unzählige außergewöhnliche Frauen wie Ise oder Margherita, die sich in den Dienst der Emanzipation gestellt haben und die – aufgrund der damals rein männlichen Kunst- und Zeitkritik – schlichtweg aus der Geschichte gestrichen wurden.

Wie darf man sich Ihre Recherchearbeit vorstellen? Wie fühlte es sich an, so tief in die eigene Familiengeschichte einzutauchen?

Ich konnte mich auf das bisher unveröffentlichte Archiv meines Schwiegergroßvaters Antonio „Nino“ Revedin, Margheritas Mann, stützen. Diese Schwarz-Weiß-Fotografien interessierten mich brennend, seit sie mir sein Enkel Antonio vor 35 Jahren zum ersten Mal zeigte. Es sind Leica-Aufnahmen der Stadt und ihrer Menschen aus den 1920er- und 1930er-Jahren. Ich dachte mir, wer diese scheinbar majestätische, in Wirklichkeit aber fragile Stadt so porträtieren kann, muss ein feinfühliger Mensch gewesen sein! Die Familien-Recherche zum Leben der Margherita begann ich vor einem guten Jahrzehnt, ein großer Zeitzeuge war meine Schwiegermutter, aber natürlich auch mein Mann, der seine Großmutter sehr verehrt hat.

Das Künstlerleben, die Kultur, die Zeitgeschichte: Das Buch beschreibt die Stadt so lebendig, dass man sich sofort in diese Zeit wünscht. Ging es Ihnen beim Schreiben auch so?

Ich freue mich, dass meine Begeisterung für diese visionäre und dabei gänzlich unverwöhnte Zeit zu Ihnen überspringt! Und wer konnte ahnen – „Margherita“ war im Januar 2020 fertig geschrieben –, dass Venedig sich uns einen Monat später aufgrund des Corona-Lockdowns und des unsäglichen Leids, das über Norditalien kam, genau so präsentieren würde wie in dem Moment, in dem ich den Roman beginnen lasse? 1920 war Venedig ein verstummtes, verlassenes und verarmtes Dorf, von der Spanischen Grippe dezimiert, ohne jegliche Zukunftsidee. Margherita erfand einen qualitätsvollen Kultur- und Naturtourismus, der Schule machte. Vielleicht wird diese Idee heute, wo tumber Massentourismus und Kreuzfahrtwahn hoffentlich endgültig Geschichte sind, für die Stadt wiederentdeckt?

War es eine Herausforderung, historische Persönlichkeiten wie Peggy Guggenheim zu Charakteren zu machen? Wie schmal ist der Grat zwischen Realität und Fiktion?

Marguerite Yourcenar, die sich an ebensolche historische Persönlichkeiten wagte, sagte am Ende ihres fulminanten Lebens: „Alles ist real. Alles ist fiktiv.“ Eine solche Gratwanderung zwischen Fakten-Realität und Detail-Fiktion war mir mit „Margherita“ nicht neu, hatte ich sie doch schon mit Ise in „Jeder hier nennt mich Frau Bauhaus“ gewagt. Nach jahrelangen Recherchen hatte ich damals das Bedürfnis entwickelt, meinen Protagonisten näherzukommen, als es das Genre Sachbuch erlaubt. Mein Verlag schimpfte mich: „Sind Sie verrückt?“ Ich antwortete mit Umberto Ecos Worten, als auch er, gestandener Professor wie ich, seinen ersten, fürs breite Publikum zugänglichen Roman vorlegte: „Hoffentlich!“

Statt eines Sachbuchs für eine elitäre Minderheit also ein für alle zugänglicher Roman?

Genau. Alle Charaktere in „Margherita“ sind historisch und penibel recherchiert. Mein Auftrag war, daraus eine packende und für jeden verständliche Geschichte zu machen. Sie soll Venedig und Margheritas entbehrungsreiches Schicksal allen nahebringen, auch Menschen, die noch nie in dieser zauberhaften Stadt waren oder die es sich niemals leisten könnten, sie zu erleben.

Hat Sie der große Erfolg des Buchs überrascht?

Ich habe ihn mir für Margherita – und für Venedig – gewünscht.

Die Stadt spielt in Ihrem Buch eine Hauptrolle. Man könnte sagen, Sie schreiben ein Doppelporträt einer einzigartigen, damals wie heute leidenden Stadt und einer Frau, die ihr ganzes Leben in die positive Entwicklung dieser Stadt investiert hat. Was macht Venedig aus Ihrer Sicht einmalig?

Neben aller berührenden Gewalt ihrer Kunst und ihrer Künstler: die Zeitlosigkeit, die Stille, das Licht, der Himmel, das Wasser. Die Menschen, die langsam gehen, jeden Schritt ermessend, den Horizont im Blick: Kommt Wind auf? Ein Unwetter? Steigt das Wasser? Und die sich doch bei jeder Begegnung in die Augen sehen, stundenlang auf den Brücken stehen bleiben können und sich vom Tag erzählen.

Haben Sie Lieblingsplätze in Venedig? Wenn man von der Lektüre inspiriert dorthin reisen möchte, was sollte man sich zuerst gönnen?

Gehen Sie mit Margherita durch die Stadt! Alles ist unverändert, Sie finden jede Trattoria wieder, jedes Café, jeden Ausblick auf den Canal Grande, jeden Winkel in der sonnigen, einstmals als armes Hafendock verpönten und heute doch so gefragten Südküste des Dorsoduro, wohin sie sich, nach dem Tod ihres Mannes verarmt, zurückziehen muss. Doch entdecken Sie auch das Hinterland unseres Lagunenarchipels, wie Margherita es tat. Venedig hat alle Chancen, den fatalen Massentourismus abzulegen und erneut zum weltweit begehrten kreativen Schmelztiegel, zur Modellstadt der Langsamkeit zu werden, denn die Lagune hat diese Renaissance in den vergangenen Jahren schon gelebt. Agritourismus ist das gefragte Konzept und jede kleinste Insel unserer weiten Wasserlandschaft ist heute darin eingebunden. Man erreicht die Fischtrattorien, die Wein- und Gemüsegärten mit dem Ruderboot oder mit dem Vaporetto. Fahren Sie zu Tiepolo oder Zanella nach Treporti, einem verschlafenen Dörfchen in der nördlichen Lagune. Fahren Sie zur Favorita auf den Lido, zur Trattoria al Ponte di Borgo nach Malamocco, zu Da Romano auf die Fischerinsel Burano. Für einen Tag zwischen windigen Dünen und blühenden Marchwiesen brauchen Sie wenig Geld. Sie brauchen nur Zeit. Und die ist geschenkt.

Haben Sie ein paar Geheimtipps für Menschen, die Venedig zum ersten Mal besuchen?

Ermessen Sie die Proportionen des beinahe menschenleeren Markusplatzes, grüßen Sie die Stadtheiligen San Teodoro und San Marco auf ihren Säulen vor dem Markusbecken und lassen Sie den Blick übers Wasser auf Palladios Kloster San Giorgio schweifen. Wie groß ist diese Stadt, wie perfekt nach Sonne, Winden und Gezeiten dimensioniert, wie genau nach Menschenmaß und der heilsamen Mischung aus Erfindergeist und Kommunikation gemacht! Dann: Spazieren Sie über den Stefansplatz und die Akademiebrücke auf unseren Dorsoduro. Die ehemaligen Hafendocks, auf der Sonnenseite Venedigs gelegen und demnach einst „nicht schick“, sind heute das Herz der Stadt. „La Calcina“, die Pension der Dichter und Künstler, zählte schon Lord Byron, John Ruskin, Eugenia Errázuriz oder Jean-Michel Frank zu ihren Gästen. Hier erwachen Sie mit Blick auf Palladios Kirche Redentore, hier dinieren Sie direkt am Kanal Giudecca. Der schönste Spaziergang der Stadt führt Sie rund um die Punta della Dogana, Sie flanieren an der einzigartigen Wohn-Galerie der Peggy Guggenheim vorbei zur Kunstsammlung Pinault, der gelungensten Architektur-Revitalisierung der letzten Jahre. Der japanische Pritzker-Preisträger Tadao Ando hat die historischen Zollhallen als Ort der Kunst und der Begegnung inszeniert und verneigt sich in jedem Detail vor seinem großen Vorbild, dem venezianischen Meisterarchitekten der 1960er-Jahre, Carlo Scarpa. Nach diesem Besuch umrunden Sie die Spitze des Zollgebäudes und verstehen, wie sich diese Stadt in 1.500 Jahren von Osten nach Westen Meter um Meter auf den Sandinseln der Lagune erbaut hat.

Ganz allgemein: Was ist Ihnen beim Reisen wichtig und was sind Ihre liebsten Reiseziele?

Authentizität, Freundlichkeit, die Kunst des Weglassens. Mein bisheriges Leben war ein Entwicklungsroman, wie ein Wanderlehrling erlernte ich mein Architektenhandwerk zunächst in meinem Heimatland Deutschland, dann in Südamerika, Nordamerika, Italien und schließlich in Österreich und Skandinavien. Meine Lehrberufungen führten mich aus Venedig nach Berlin, Stockholm und Paris. Meine liebsten Reiseziele heute? Mein kleines Gartenhaus in Venedig, mein alter Bauernhof in Kärnten. Hier finde ich zu mir, zu meinen Romanfiguren. Und meine Kinder sagen: „Am glücklichsten ist sie beim Schreiben.“

Marghertia von Jana Revedin
  • Roman
  • Gebunden mit Schutzumschlag, 304 Seiten
  • Aufbau Verlag
  • ISBN: 978-3-351-03830-4
  • 22,00 Euro