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Peter Zellmann im Interview. © Institut für Freizeit- und Tourismusforschung

Tourismus in der Corona-Krise: „Die Lage ist sehr ernst“

Kaum eine Branche leidet unter der Corona-Krise so stark wie der Tourismus. Doch wie schlimm ist die Lage wirklich und ist Besserung in Sicht? GUTE REISE hat beim Interview mit Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung nachgefragt.

Gerade in Bezug auf die Sommersaison ist die Unsicherheit groß. Werden die Lockerungen auch den Tourismus beleben oder steht der Branche ein Katastrophensommer ins Haus? Werden die Österreicher Ihre Heimat neu entdecken und den Wegfall internationaler Gäste etwas abfedern? Viele Fragen, wenig Sicherheit.

GUTE REISE hat mit Zukunftsforscher Peter Zellmann vom Institut für Freizeit- und Tourismusforschung über die aktuelle Situation gesprochen und dabei auch einen Blick in die Zukunft gewagt.

Wie würden Sie die Wiedereröffnungen erster Hotels bewerten?

Wichtig und ein bisschen zu spät. Mit der Entscheidung, ob es eine Sommersaison gibt oder nicht, hat man sich zu lange Zeit gelassen. Jetzt ist die Verunsicherung bei Gästen und Betrieben riesengroß. 25 Prozent der Hotels sowie viele Restaurants sperren als Folge dessen gar nicht auf. Ich bin zum Beispiel beruflich gerade in Tirol unterwegs und hier ist sprichwörtlich tote Hose.

Das Problem ist, dass der politische Aktionismus, der rund um Corona abgezogen wird, im Urlaub einfach nicht funktioniert. Die Leute sind zu verunsichert. Urlaub ist etwas anderes als Alltag. Was Menschen im Alltag akzeptieren, siehe Maske, akzeptiert man im Urlaub nicht. Da bleiben viele dann lieber zu Hause und denken sich okay, lassen wir einmal aus.

Wie ernst ist die Lage in der Tourismusbranche wirklich?

Sehr ernst. Obwohl ich weder Seilbahn noch Hotel besitze und niemandes Partei ergreifen möchte, muss ich klar sagen: Es ist schlimm. Auf den ersten Blick ist oft schwer zu erkennen, wie viele Jobs vom Tourismus abhängen, gerade im ländlichen Raum. Es gibt zum Beispiel viele Volksschulen nur deshalb, weil Tourismus in der Region existiert. Im Herbst werden wir dann sehen, was der Tourismus für Österreich wirklich bedeutet.

Das betrifft aber nicht nur den ländlichen Raum. Wien zum Beispiel sperrt noch so gut wie gar nicht auf, da ja doch viel vom Flugverkehr abhängt. Der Städtetourismus ist also genauso betroffen und leider kann man im Tourismus Verlorenes nicht aufholen. Ein nicht belegtes Bett ist ein Verlust, Kredite müssen zurückbezahlt werden und das können viele Betriebe nicht stemmen.

Wie lange wird es dauern, bis sich die Branche erholt hat?

Man weiß es nicht. Den Menschen wird weiterhin Sorge gemacht, viele sprechen von der zweiten Welle und keiner definiert sie. Das Virus geht nicht weg, aber der aktuelle Level ist vom Gesundheitssystem zu bewältigen. Solange wir aber die Angst aufrechterhalten, kann der Tourismus nicht funktionieren. 40 bis 60 Prozent Auslastung sind nicht genug und wenn wir die Unsicherheit bis in den Winter ziehen, wird es sehr eng werden. Solange keine Normalität einkehrt, sind rosige Zeiten nicht in Sicht.

Ihrer Einschätzung nach: Werden Österreicher 2020 vermehrt Urlaub in der Heimat machen? Feiert gar die Sommerfrische eine Renaissance?

Da ist der Wunsch Vater des Gedankens. Die Deutschen sind genauso verunsichert wie wir. Slowenien zum Beispiel hat die Pandemie für beendet erklärt. Verantworten müssen die das natürlich selbst, aber es ist eine mutige Entscheidung. Zu denken, dass die Österreicher das Ausbleiben der Deutschen ausgleichen werden, ist naiv. Wir haben Kurzarbeit, weniger Geld und noch dazu schon viel Urlaub verbraucht. So oder so wird also weniger verreist werden. Wenn wir den Vorjahresanteil an Österreichern halten, ist das schon ein großer Erfolg, gleicht aber die ausländischen Gäste nicht annähernd aus.

Österreich ist aber eine super „Corona-Destination“. Wandern und Radfahren sind für das Physical Distancing prädestiniert, man braucht auch keine Maske. Die Frage ist nur, ob die Leute noch Zeit und Geld haben.

Wie sieht es mit Auslandsreisen aus? Wie wird sich die Situation entwickeln?

Das Problem ist das gleiche wie bei den inländischen Hotels. Reiseveranstalter, die Österreicher ins Ausland bringen, sind nicht ausgelastet und haben mit Ungewissheiten, etwa im Flugverkehr, zu kämpfen. Der Einbruch wird sich nicht vermeiden lassen. Egal ob Incoming oder Outgoing, alle werden kämpfen.

Natürlich werden wieder Menschen ins Ausland reisen, vielleicht wird der September oder sogar der Oktober als Ausweichmonat gut laufen, aber all das zusammen ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Sommer ist nicht zu retten, außer vielleicht für ganz wenige und nur marginal bedeutende Nischenanbieter.

Wird Corona die Gewohnheiten langfristig verändern oder wird man zur Normalität zurückkehren, etwa nach verfügbarer Impfung?

Wenn wir eine Impfung haben, ist die Normalität wieder da. Urlauber haben ein Kurzzeitgedächtnis. Im Urlaub sind die Emotionen extrem hoch und die Erwartungen ebenfalls. Da wird aufgeatmet werden und entsprechend geurlaubt. Allerdings glaube ich sehr wohl, dass uns die Thematik noch länger verfolgen wird. Gibt es hingegen keine totale Entwarnung, wird es zwar besser werden als heuer, aber nicht normal.

Verschiebungen im Urlaubsverhalten wird es auf lange Sicht nicht geben. Viele, darunter auch ich, hätten gerne, dass die Leute nur noch nachhaltigen und umweltfreundlichen Urlaub machen. Das wird aber so nicht eintreten.

Darf man fragen, was Sie in Sachen Urlaub 2020 planen?

Österreichurlaub, aber das mach ich immer. Ich habe beruflich viel von der Welt gesehen und verbringe den Haupturlaub hier. Klar, ich mache gerne Städtetrips und Ähnliches, aber die Vielfalt und die Schönheit unseres Landes ist einmalig. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen sich jetzt vornehmen, Österreich kennenzulernen, aber ich befürchte, dass wird so sein wie mit den Neujahrsvorsätzen.