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Die Inselgruppe Palagruža mit dem imposanten Leuchtturm liegt mitten im Mittelmeer, 124 km südlich von Split. © Getty Images

Vom Leben auf einer Leuchtturminsel

Mitten im Nirgendwo thront der Leuchtturm der Insel Palagruža im Adriatischen Meer. Für den Autor Paolo Rumiz, der drei Wochen dort lebte, war der Turm das Portal für eine Reise zur Schönheit der Natur und zu seiner eigenen Seele.

Seit 20 Jahren unternimmt der Triester Paolo Rumiz jeden Sommer eine Reise und berichtet darüber in der Tageszeitung „La Repubblica“. 2014 war er nach einem arbeitsintensiven Winter so erschöpft, dass er dringend eine Auszeit brauchte. Er beschloss, sich einen Kindheitstraum zu erfüllen und einige Wochen auf einem Leuchtturm zu verbringen. Nur eines machte ihm Sorgen: Was schreibt man über einen Ort, an dem nichts passiert?

Warum fiel die Wahl auf Palagruža? 
Ich kannte die Insel vorher nicht. Ich habe ein paar Seeleute nach einem wilden und einsamen Platz gefragt, einem Ort, der schwer zu erreichen ist. Dann sah ich ein Bild des Leuchtturms, wie er wie ein Zyklop im Meer steht, ewig auf der Suche nach Schiffen. Da wusste ich: Der ist es.

Was waren Ihre ersten Eindrücke?
Es ist ganz speziell, sich einer Insel im Nirgendwo zu nähern. Zuerst sieht man nur ein Licht, dann einen Turm, dann den Berg und dann die Insel. Es war schwierig, an Land zu gehen, die Leuchtturmwärter mussten uns mit einem kleinen Boot abholen. Es gibt so viele Stürme dort, dass der Turm wirklich unnahbar ist. 

Wie hat es sich im Turm gelebt?
Das Gebäude stammt aus der K.-u.-k.-Monarchie. Es ist gleichzeitig hart, unzerstörbar und doch gemütlich. Ich war angenehm untergebracht und es gibt jede Menge frisches Wasser. Mit den Wärtern konnte ich mich sprachlich nicht verständigen, stattdessen kommunizierten wir kulinarisch. Ich bekochte sie mit Pasta und sie zeigten mir die kroatische Küche.

Wie war es, die Insel zu erkunden?
Man braucht auf jeden Fall starke Beine, denn man muss sehr viel klettern. Die Insel ist bekannt für ihre antiken Fundstücke und man fühlt sich den griechischen Legenden unglaublich nah. Das macht das Erkunden sehr spannend.

War es schwierig, sich an die Einsamkeit zu gewöhnen?
Um ganz ehrlich zu sein: Ich hatte Angst davor. Ich hatte keine Ahnung, worüber ich schreiben sollte. Also habe ich 20 Bücher mitgenommen. Gelesen habe ich nur eines, die Werke von Herodot. Der Ort ist viel zu spannend, um zu lesen oder Ablenkung zu brauchen. Im Leuchtturm fühlte ich mich, als wäre ich das Zentrum des Universums und ein absolutes Nichts im selben Moment. Ich war wie eine Mikrobe und doch ein wichtiger Teil der Natur. Es gab so viel zu sehen, so viel zu fotografieren und so viel zu schreiben, es gab gar keine Zeit für Einsamkeit. 

Wie haben Sie die Abwesenheit von moderner Technik erlebt?
Ohne Internet, ohne Telefon war mein Geist viel offener. Meine Augen waren wie entfesselt und ich konnte einfach mehr sehen. Mir wurde richtig klar, wie nutzlos E-Mails und Nachrichten für unsere Seele sind. Dort war ich frei.

Das Leben im Leuchtturm war einfach und von der Natur geprägt. Rumiz stand früh auf, wanderte über die Insel und verlor sich nahezu jede Nacht im Sternenhimmel. Beobachten, kochen, schreiben, nachdenken: Der Autor fand nicht nur
die erhoffte Ruhe und Erholung, sondern auch eine nahezu mühelose Inspiration. Es entstand sein Buch „Der Leuchtturm“, das für ihn vielleicht das einfachste seines Lebens war. Vor allem die Faszination Natur spielt darin eine Hauptrolle.

Der Sternenhimmel spielt eine große Rolle im Buch. Wie kam das? 
Die Insel hat die perfekte Position zum Sterne­beobachten. Für mich war das himmlisch. Ich fühlte mich wie in Urzeiten der Menschheit. Ich sah die Sterne an und versuchte die Namen der Konstellationen zu erraten, ganz ohne Buch, nur mit meiner Fantasie. Ich entdeckte ein Sternenbild, das für mich aussah wie der Schwanz eines Skorpions – und tatsächlich war es das Bild des Skorpions. Die Sterne sind magisch.

Was beeindruckte Sie am meisten? 
Die ständige Veränderung der Natur. Jeder Tag hatte seine eigene Stimme. Einmal flüsterte der Nordwind, dann heulte der Ostwind. Und die Steine des Leuchtturms knackten und knarzten wie im Chor. Auch der Ozean ist nie gleich. Ich war mir sicher, ich konnte hören, wie Poseidon mit seinem Dreizack das Meer schäumt. Nicht weniger spannend waren die Möwen. Wenn ich ihren Eiern zu nahe kam, bildeten sie eine ­regelrechte Wolke über mir und bombardierten mich mit Kacke. Ich lernte auch ihre vielen Lieder kennen. Jeden Abend war es, als würden sie ein Klagelied über den Sonnenuntergang anstimmen, und am Morgen jubilierten sie über die Rückkehr der Sonne. Hier in dieser Isolation wurde mir auch erschütternd klar, wie müde die Erde von uns Menschen ist. 

Nach seiner Rückkehr sprachen viele Menschen Paolo Rumiz darauf an, wie anders er doch nach den wenigen ­Wochen wirkte. Seine Haltung war verändert, sein Körper fühlte sich an wie nie zuvor. Für ihn war klar: Es lag nicht am Wind und der Sonne, sondern am Rhythmus der Insel. Denn dort war die Zeit wie verlangsamt. Befreit vom modernen Stress waren die Stunden länger, war die Freizeit größer und die Seele wie neugeboren. 

Würden Sie die Insel und den Leuchtturm wieder besuchen?
Üblicherweise kehre ich nie an einen Ort zurück. Denn dafür ist das Leben zu kurz und es gibt zu viel zu sehen. Außerdem will ich Erinnerungen nicht durch neue Perspektiven ruinieren. Eine Rückkehr kann den Traum, das Bild zerstören. Bei Palagruža ist das anders. Ich kann mir gut vorstellen, wieder dorthin zu fahren, denn für mich war es nicht eine Reise an einen Ort, es
war eine Reise zur Natur und zu mir selbst. Ich lernte dort, meiner Seele zuzuhören, die wie ein donnernder Fluss durch mich fließt.

Paolo Rumiz 

1947 in Triest geboren, ist Paolo Rumiz der erfolgreichste Reiseschriftsteller Italiens und begeistert unter anderem eine große Leserschaft in der Tages-zeitung „La Repubblica“. Außerdem berichtete er über den Afghanistan- und den Jugoslawien-Krieg und wurde für sein journalistisches Engagement mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zu seinen Werken zählen unter anderen „Via Appia“ und „Der unendliche Faden“. 

„Der Leuchtturm“, Folio Verlag, 19,62 €, ISBN: 978-3-85256-716-7