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Ilja Trojanow kennt die Welt wie seine Westentasche.
© Thomas Dorn

Kritischer Weltenkenner

Ilija Trojanow ist Schriftsteller, Übersetzer und ­Verleger – und war schon fast überall auf der Welt. Im ­Interview spricht er über die Kunst des Reisens, wo es ihm besonders gefällt und was er im Urlaub sucht.

Beim Reisen ist es sehr wichtig, die eigene Wahrnehmung möglichst zu erweitern und alles wegzuschieben, auszuschalten, was diese Wahrnehmung einschränkt – besonders die eigenen Vorurteile“, sagt Ilija Trojanow. Er ist durch Wüsten und durch die Arktis gewandert, hat den Ganges vom Ursprung bis zur Mündung ­befahren, ist nach Mekka gepilgert und hat darüber viele Bücher geschrieben. Massentourismus ist ihm ein Gräuel – und die Kehrseite des globalen Reisens.

Viele Ihrer Bücher handeln vom Reisen. Warum?

Mein Reisen begann mit einer Flucht, gefolgt von einer Umsiedlung von Deutschland nach Kenia. Das hat in mir eine rastlose Neugier auf die Welt installiert, gepaart mit einem Blick, der nicht zu urteilen, sondern Vielfalt wahrzunehmen sucht.

Welche Sehnsucht verbinden Sie mit dem Reisen?

Mich selbst zu verändern. Fremde ist für mich ein Lebenselixier. 

Wo beginnt für Sie das Reisen?

In dem Moment, in dem ich zum ersten Mal stolpere, mich verirre, etwas nicht verstehe. Um etwas zu sehen, muss man zuerst seine eigene Blindheit einsehen.

Sie haben unterschiedliche Kulturen bereist. Was reizt Sie?

Seine eigenen kulturellen Prägungen infrage zu stellen. Wieso etwa nicht mit den Fingern essen? Wissenschafter in Hildesheim haben he­rausgefunden, dass die Finger dann ein Enzym absondern, das die Verdauung fördert.

Wie hat der Besuch fremder Länder Ihr Weltbild verändert?

Ich habe immer versucht, ein bestimmtes, festgelegtes Weltbild zu vermeiden. Das ist ungesund für einen Schriftsteller. 

Warum haben Sie eine Gebrauchs­anweisung fürs Reisen geschrieben?

Weil wir immer mehr unterwegs sind, aber zunehmend weniger reisen. Die meisten Reiseangebote schützen einen vor den Zumutungen der Fremde, das Salz des Reisens sind aber gerade die Über­raschungen, und die sind manchmal
unangenehm, irritierend, gelegentlich auch gefährlich. Wer all das zu vermeiden sucht, ist eigentlich virtuell unterwegs, auch wenn er Tausende von Kilometern weit fliegt. 

Worin besteht für Sie die Kunst des Reisens?

Sich Zeit zu nehmen, eine persönliche Beziehung zu einem Ort, zu einem Phänomen, zu einem Ereignis, zu einem Menschen aufzubauen. Mehr an Kreativität, weniger an Konsum. 

Wie kann man sie erlernen?

Langsamer reisen, weniger planen, mehr riskieren, sich aussetzen, sich fordern, weniger urteilen, keine schweren Erwartungen mit sich herumschleppen, nicht zu viel vorab wissen, keine Reiseführer lesen, nicht in einer Gruppe reisen …

Wie sehen Sie den ­Massentourismus?

Als zerstörerische Gewalt. Auf der Wand eines Markts in Florenz stand letztes Jahr geschrieben: „Tourists = Terrorists“. Und auf einer Mauer in Barcelona: „Refugees – welcome. Tourists – go home“. Es ist schon merkwürdig, dass viele von uns
Mobilität aufgrund von Krieg und Elend ablehnen, sich selbst aber das Recht he­rausnehmen, hinzureisen, wohin sie wollen. Die negativen Folgen müssen dann die Einheimischen tragen.

Was gefällt Ihnen am ­Zu-Fuß-Reisen?

Man sieht mit dem ganzen Körper, nicht nur mit den Augen, und man hat Zeit, wirklich wahrzunehmen, anstatt nur zu erhaschen. 

Wie groß war die Macht des Zufalls auf Ihren Reisen?

Der Zufall ist der ­Dirigent. Da kommt manchmal eine ­Kakofonie heraus und manchmal ein bezauberndes unbekanntes Lied. 

Was sind Ihre Tipps fürs richtige Reisegepäck?

Möglichst wenig Gepäck mitnehmen, das Wichtigste bekommt man fast überall – je leichter man reist, desto leichter fällt einem das Reisen. 

Was nehmen Sie als Andenken mit nach Hause?

Mal ein Buch, mal einen Stein, aber alles in allem vor allem Erinnerungen. 

Welche Plätze mögen Sie besonders?

Der Registan in Samarkand, der Graben in Wien, die Plaza de la Constitución in Ciudad de México.

Welches Reiseerlebnis zählt zu Ihren persönlichen Sternstunden?

Mitten in der hellen Nacht in der Antarktis, umgeben vom ewigen Eis, alles schimmerte verheißungsvoll und für einen Augenblick konnte ich die zerstörerische Präsenz der Menschheit vergessen.

Machen Sie auch Urlaub? Wie sieht der aus?

Letztes Jahr hat mich meine Frau gezwungen, Urlaub zu machen. Zehn Tage am Strand, ganz einfach, sogar pauschal gebucht. Eine neue Erfahrung für mich. Entscheidend war, dass sie ein Computer- und Handyverbot ausgesprochen hat. Die digitalfreie Zeit war wichtiger für die Erholung als die Sonne und das Meer.

Wie man richtig reist: Tipps vom Profi

Ilija Trojanow schreibt fast immer über Reisen. Auch über unfreiwillige. So erzählt er im autobiografisch geprägten Roman „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“ über die Flucht mit seinen Eltern aus dem kommunistischen Bulgarien und das Leben im Exil. Und sein Roman „Der Weltensammler“ beleuchtet das Leben des Entdeckers Richard Francis Burton. Jetzt schrieb er ein neues Buch, damit in Zeiten der uneingeschränkten Mobilität der Sinn des Reisens nicht auf der Strecke bleibt. 

Gebrauchs­anweisung fürs Reisen, Piper, 15 Euro