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© Philipp Schuster

Nachgefragt: Hermann Nitsch

Universalkünstler Hermann Nitsch erzählt im GUTE REISE-Interview über die besten Reisebegleiter, das erste Mal am Meer und seinen Lieblingsplatz in Österreich.

Die erste Reise, an die ich mich erinnere?
Ich habe am Stadtrand von Wien in Groß­jedlersdorf gewohnt, jenseits der Donau. Schon als ich vier Jahre alt war, besuchten wir alle 14 Tage meine Großeltern, die in Hietzing wohnten. Das war eine etwa zweistündige Reise mit Straßenbahn und Stadtbahn. Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war diese Reise etwas beschwerlicher. Wir mussten den Weg zu Fuß zurücklegen. Da viele Brücken gesprengt waren, mussten wir die Donau über einen engen Holzsteg überqueren. Mit ca. acht Jahren führten wir eine ähnlich komplizierte Reise zu unseren Verwandten mütterlicherseits nach Prinzendorf durch. Das erste Mal begriff ich den Unterschied zwischen Stadt und Land. 

Eine Reise, die in meinem Leben Spuren hinterlassen hat?
Mein Beruf war damit verbunden, viele Reisen buchstäblich zu den wichtigsten Orten der Welt durchzuführen. Alle Reisen haben Spuren hinterlassen. Ich war nicht vergiftet durch die vorgeformten Werbeziele der Touristenindustrie. 

Die besten Reisebegleiter?
Natürlich jene Frauen, mit denen ich jeweils lebte, und meine Freunde und Assistenten.

Wohin es mich zieht, wenn es mir nicht gut geht?
Wo es mich immer hinzieht, zu meiner täglichen Flasche naturreinen Weines. 

Eine Reise, die ich am liebsten vergessen würde?
Eine Reise nach Mexiko, die mir durch eine Krankheit vergällt wurde. 

Wo das erste Mal am Meer war?
Als ich mit etwa 24 Jahren von Wien nach Venedig fuhr.

Wohin ich nie reisen würde?
Ich würde überallhin reisen, aber gewisse Bereiche unserer Erde sind mir durch mein Alter bereits versagt.

Welche Reiseerlebnisse mich am meisten erheitert haben?
Viele kurze Reisen von meinem jeweiligen Wohnsitz zu Wiener, Bisamberger und Heurigen des Weinviertels. 

Welches Reiseerlebnis mich nachdenklich gemacht hat?
Ein Kurzbesuch in Indien – mit Gewalt, Schmutz und Hunger auf der Straße. Oder als ich im Jahr 1970 nach New York fliegen wollte und unsere Luftfahrtgesellschaft in Konkurs gegangen ist. Wir mussten die Lufttransportgesellschaft auf unsere Kosten wechseln. 

Drei Dinge, die in meinem Gepäck nie fehlen dürfen?
Reisepass, Medikamente und philosophisches Lesematerial.

Was mich meine Reisen gelehrt haben?
Dass es überall schön und hässlich sein kann.

Wo ist der Lieblingsplatz in Österreich?
Glücklicherweise ist das meine Behausung in Prinzendorf. 

Welches Reiseland ich jedem ans Herz lege?
Reiseland ist ein Begriff, mit dem ich nichts anfangen kann. Ich rate jedem, überallhin zu fahren oder zu Hause zu bleiben. 

Wie viele Tage im Jahr ich im Ausland bin?
Als ich jünger war, waren es mindestens drei Monate. 

Mit welcher Landessitte ich das größte Problem hatte?
Mit den Eisernen Vorhängen!

Universalkünstler

Hermann Nitsch wurde 1938 in Wien geboren. „Der Krieg machte mich schon als Schüler zum Kosmopoliten“, sagt er über sich selbst. Schon während seines Studiums faszinierten ihn die Gesamtkunstwerkansätze, die im Rahmen des Wiener Aktionismus verwirklicht wurden. Herman Nitsch zählt seither zu den namhaftesten, aber auch zu den umstrittendsten Künstlern -Österreichs. Seit dem Vorjahr ist ihm ein Teil des -Museums Mistelbach gewidmet.