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Autor Christian Schünemann liebt sein Berlin.
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Mein Berlin ist anders

„Nachdem Ostberlin durchsaniert worden ist, zieht Westberlin nach“, sagt Erfolgsautor ­Christian Schünemann. „Mit teilweise wolkenkratzerartigen Häusern, die die Gedächtniskirche plötzlich winzig aussehen lassen.“ Trotzdem liebt er die Metropole.

Wann ist Berlin am schönsten?

Im September, wenn der Himmel hoch ist, von einem klaren Blau, mit weißen Wolken­fetzen, und der Wind die goldenen Blätter durch die sonnigen Straßen treibt. Das erinnert mich an meine erste Zeit in Berlin, den September 1989. Ich war neu in der Stadt, gerade angekommen und hatte einen freien Monat, bevor mein erstes Semester an der Freien Universität begann. Westberlin zu ­erkunden war aufregend, verheißungsvoll. Da war ein Gefühl von Freiheit, Aufbruch und vielen Möglichkeiten, die warteten. Zwei Monate später fiel die Mauer.

Was nervt Sie in Berlin?

Dass manche Cafés in Berlin-Mitte so hipp sind, dass man dort nur auf Englisch bestellen kann. 

Was mögen Sie an dieser Metropole?

Manchmal hole ich meinen besten Freund Hans ab, einen gebürtigen Ostberliner, dann spazieren wir von seinem jetzigen Wohnort in Wilmersdorf über den Prager Platz, die Motzstraße, den Nollendorfplatz, einmal quer durch den Tiergarten, bis zum Brandenburger Tor, weiter über die Museums­insel, bis in den Prenzlauer Berg hoch, wo er zu DDR-Zeiten gewohnt hat. Dabei erzählen wir uns alles, was es zu erzählen gibt, staunen, was sich in der Stadt verändert hat, schimpfen, wo sich schon wieder eine Bau­lücke schließt und ein Durchblick verschwindet, wundern uns über den Touristentrubel vor allem dort, wo früher der Todesstreifen war, und freuen uns immer wieder, dass diese Stadt eins ist, dass man sich Berlin einfach erlaufen kann. 

Wie ist der Charakter der Berliner?

Ich kenne nur wenige gebürtige Berliner. Die meisten sind ja zugezogen. Aber der echte Berliner bleibt, was man so hört, gerne in seinem Bezirk, was wunderbar geht, denn jeder Bezirk funktioniert wie eine eigene Kleinstadt. Es gibt für den Berliner in Friedenau also keinen Grund, einfach so nach Mitte oder Kreuzberg zu fahren. Der Berliner kennt sowieso schon alles, ohne jemals dagewesen zu sein, und pflegt die Provinzialität, die Berlin auszeichnet und die für diese Metropole unverzichtbar ist.

Welches ist Ihr liebstes Lokal?

Für ­einen Drink: das Foyer des Kino International (Karl-Marx-Allee 33, Berlin-Mitte). Hier lässt es sich unter Kronleuchtern in schönstem DDR-Ambiente chillen und durch ­riesige Fenster auf die Karl-Marx-Allee schauen. Zum Essen: Restaurant „Kafana“ (Bruchsaler Straße 6, Berlin-Friedenau), sehr gute und sehr deftige serbische Küche.

Was ist Ihr liebster Platz?

Der Karl-August-Platz in Charlottenburg. Quality Time sieht dort so aus: einkaufen auf dem wunderbaren Wochenmarkt, Kaffee trinken und Zeitung lesen unter Kastanien, danach in meine Lieblingsbuchhandlung Miss Marple hineinschauen, stöbern, tratschen, Entdeckungen machen, sich von Miss Marple die Meinung sagen lassen und mit einem spannenden Buch zurück auf den Platz kommen, unter Kastanien Kaffee trinken, lesen …

Buchtipp 

Christian Schünemann hat gemeinsam mit Jelena Volic wieder einen tollen Belgrad-Krimi geschrieben. In „Maiglöckchenweiß“ ermittelt die wunderbar untypische Kriminologin Milena Lukin, eine Serbin mit deutschem Pass, in einem Mordfall, der einst das Schicksal eines ganzen Landes bestimmte.

„Maiglöckchenweiß“, Diogenes, 22,70 €